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Aconcagua 2007 - Story PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Tomsky   
Sonntag, 11. März 2007

18.02. - 10.03.2007 - ein Tourenbericht von Thomas Arnold

So, 18.02.07 - Die Rucksäcke sind gepackt
Die Rucksäcke sind gepackt - über 30 kg Equipment sind gut verstaut. Das Packen hatte dank Checkliste nur 3 Stunden gedauert. Am Abend ging der Flieger von Nürnberg über Paris nach Santiago de Chile.

Mo, 19.02.07 - Santiago de Chile
Nach 15 Std. Flug kam ich in Santiago de Chile an. Leider ist der Pilot der Air France in einer Nordschleife über die Anden geflogen, so dass der Aconcagua und dessen Südwand diesmal nicht in Sicht kam. In Santiago hatte es 25 °C, es war blauer Himmel (so blau wie ein Himmel unter der Dunstglocke der Stadt sein kann).

Di, 20.02. 07 - von Santiago de Chile nach Mendoza
Um 8:40 ging es weiter mit dem Bus nach Mendoza. Nach etwa 3 Std. erreichten wir den Pass auf 3200 m an der argentinischen Grenze. Die Grenzstation „Los Horcones“ befindet sich in der Nähe eines Skigebietes auf ca. 2800 m. Die Ein- und Ausreiseformalitäten gingen erstaunlich schnell und weitere 3 Std. später kamen wir bereits in Mendoza an. Dank eines Schleppers war auch schnell eine Absteige für die Nacht gefunden. Leider war das nur eine Art Matratzenlager bei einer Familie. Normalerweise ist diese Pfadfinderkacke ja nicht mein Fall, doch für eine Nacht sollte es gehen, denn in Mendoza ist es schwer ein Hotelzimmer zu finden obwohl es jede Menge davon gibt. Viele Touristen kommen zu Weinfahrten hierher, der Ort ist sehr beliebt und auch sehr schön. Nachdem die Übernachtung gefunden war, machte ich mich auf den Weg in die Stadt zum „Subsecretaria de Turismo“. Hier bekommt man das Permit für eine Besteigung des Aconcagua.


Mi, 21.02.07 - von Mendoza nach Puente del Incas und erste Tagesetappe nach Pampa de Leñas
Um 10:15 ging es mit dem Bus von Mendoza nach Puente del Incas. Kurz vor der Ortschaft liegt die Station von Los Puquios, der „Mulitreiber“ von Rudy Parra. Hier konnte ich mich absetzen lassen und den Transport von einem Teil des Gepäcks zum Basislager organisieren. Als ich ankam war noch niemand da. Ich begann trotzdem schon mal mit dem Umpacken der Rucksäcke. Als ich fast fertig war kamen Rudy und einer seiner Angestellten. Es ginge alles klar, bis zum Samstag wird einer der Rucksäcke (18 kg) mit Material, das ich für die ersten 4 Tagesetappen nicht benötigte, im Basislager sein. Dieser Luxus kostet 200 US-$. Normalerweise hätte ich für den Preis bis zu 60 kg transportieren lassen können, aber leider fand ich niemanden der die Maultierlast mit mir teilte und so musste ich den Komplettpreis zahlen. Trotzdem ist es das wert, denn es macht wenig Sinn sich während der Akklimatisationsphase abzubuckeln und damit im Vorfeld schon platt zu machen. Nachdem alles klar war brachte man mich noch nach Punta de Vacas (2400 m), dem Ausgangspunkt für die Tour durch das Valle de Vacas.
In einer kleinen Truckerkneipe stopfte ich mich noch mal mit Essen voll, füllte das Camelbak mit 4 Fl. Mineralwasser und startete gegen 16:15 die erste Tagesetappe Richtung Pampa de Leñas, das ich nach 4 ½ Std. erreichte. Pampa de Leñas  liegt auf 2800 m. Hier befindet sich eine Station der Parkranger. Sie kontrollieren das Permit, man wird registriert und bekommt eine Tüte für den Müll ausgehändigt, die man am Schluss wieder abgeben muss. Im Dunkelwerden baute ich mein Zelt auf und kochte etwas zu essen und Tee. Es gab Hirschgulasch aus der Dose und Nudeln. Die erste Tagesetappe lag nun hinter mir. Die Nacht war ruhig, fast windstill bei 2 °C.

Do, 22.02.07 - von Pampa de Leñas nach Casa de Piedra
Um 8:30 stand ich auf, kochte Kaffee und frühstückte im Schlafsack. Es war noch immer windstill, bei 4 °C. Gegen 11:00 lief ich langsam los. Es heißt, in der Akklimatisationsphase solle man mit dem Tempo eines alten Mannes laufen. So hielt ich es auch, machte alle Stunde Rast und stoppte ab und an zum Fotografieren. Am Nachmittag nahm der Wind etwas zu, es war aber sehr angenehm zum Laufen. Gegen 16:00 kam ich an die Stelle wo man zum ersten mal den Aconcagua sieht. Kaum Wolken am Gipfel, ich machte ein paar Fotos und lief weiter. Bis Casa de Piedra waren es nur noch 10min. Außer ein paar Mulitreibern war keiner da. Ich hatte also die freie Auswahl für einen Platz um mein Zelt aufzustellen. Als ich mir einen Kaffee kochte kamen doch noch 2 Männer und eine Frau an. Wie sich herausstellte kamen sie aus Litauen. Einer hatte Eisgräte dabei, es sah ganz so aus, allen wollten sie den Polengletscher angehen. Wir kamen ins Gespräch und sie luden mich auf einen Becher Rotwein ein. Zu essen gab es bei mir heute noch mal Hirschgulasch – den Rest von gestern. Gegen 18:30 verschwand die Sonne aus dem Tal und es wurde merklich kühler. Ich verkroch mich in mein Zelt. Falls ich gut schlafen konnte und keine Probleme mit der Höhe hatte, wollte ich morgen einen Teil der Etappe zum Basislager zurücklegen. Casa de Piedra liegt auf 3200 m und das Basislager auf 4200 m. Viele legen die Strecke als 3. Tagesetappe zurück. Akklimatisationstechnisch hielt ich es aber für besser entweder in Casa de Piedra einen Ruhetag zu machen oder nur bis zur 2. Flussüberquerung im nächsten Tal aufzusteigen. Da der heutige Tag eigentlich ganz relaxed war und ich mich fit fühlte wollte ich mich für Letzteres entscheiden.


Fr, 23.02.07 - von Casa de Piedra zum Flusscamp

Die Nacht war wieder windstill und sternenklar, bei –4 °C. Im Schlafsack war es angenehm warm. Als ich Kaffee kochte und frühstückte brachen die Litauer gerade auf. Ihre Mulis transportierten sie über den Fluss. Ich würde ihn zu Fuß durchqueren müssen. Das sollte aber kein Problem darstellen. Zu dieser Jahreszeit führt er nicht viel Wasser. Bald verschwanden die Litauer im nächsten Tal. Zurück blieb nur ihr Mulitreiber, der es gelassen anging. Gegen 11.30 lief auch ich los. Ich konnte mir alle Zeit der Welt lassen, denn ich hatte ja nur eine halbe Tagesetappe zurückzulegen. Nachdem ich den Fluss das erste Mal durchquert hatte, stieg der Weg stetig an. Bald kommt man an eine ziemlich ausgesetzte Stelle, die zudem sehr rutschig ist. Man muss aufpassen, dass man nicht die Schlucht hinunterrutscht. Vor dieser Stelle hatte ich jedes Mal einen Heidenrespekt, doch während ich mich auf den Weg konzentrierte ging es heute wie von selbst und bald war ich wieder in sicherem Gelände. Nach einer Wasserstelle geht es hinauf zu „Big Hill“, den ich nach 2 Std. Gehzeit erreichte. Danach flacht der Weg wieder ab, noch einmal den Fluss überqueren und schon war ich an der Stelle, an der ich das Nachtlager aufschlagen wollte. Ich räumte die Stelle von Steinen frei und baute mein Zelt auf. Es war jetzt Nachmittag, fast windstill und sauwarm. Ideal sich im Fluss zu waschen. Um ein paar Fotos vom Aconcagua und dem benachbarten Cerro Ameghino machen zu können, überquerte ich den Fluss noch einmal. Es wäre wirklich fast eine Schande hier kein Lager aufzuschlagen. Irgendwann kam der Mulitreiber zurück vom Basislager. Er hatte das Gepäck der Litauer schon abgeliefert und ließ jetzt hier seine Maultiere saufen. Mir gefiel es hier sehr gut und bis jetzt lief alles optimal – es machte richtig Spaß.

Sa, 24.02.07 – vom Flusscamp zum Basislager
Auch diese Nacht war wieder windstill, wo blieb nur der Wind des Aconcagua? Ich wünschte ihn mir nicht herbei, er würde mir schon noch früh genug Schwierigkeiten bereiten. In der letzten Nacht bin ich ein paar Mal durch Geräusche aufgewacht. Vielleicht war es nur ein Fuchs der draußen herumschlich, mir war es jedenfalls unheimlich und ich habe eine Weile gebraucht, bis ich wieder einschlafen konnte. Um 8:30 kam die Sonne ins Tal, ich beschloss aufzustehen und zu frühstücken. Gegen 10:00 hatte ich das Zelt abgebaut und lief langsam los Richtung Basislager. Bei schönstem Sonnenschein und windstillem Wetter hatte ich nun den Aconcagua auf dem ganzen Wege im Blick. Fantastisch. Das Basislager erreichte ich gegen 13:00, mein restliches Gepäck war aber noch nicht da. Ich hatte zwar noch genug zu essen, aber falls es kälter würde fehlten mir die warmen Klamotten. Ich hoffte Los Puquios bringt seine Maultiere heute noch wie vereinbart hoch. In der Zwischenzeit baute ich mein Zelt auf und machte erst mal Brotzeit. Im Basislager ist nicht mehr viel los um diese Jahreszeit. Die meisten Zelte der kommerziellen Expeditionsveranstalter sind oder werden bereits abgebaut. Das war letztes Jahr genauso und beunruhigte mich diesmal nicht im Geringsten. Gegen Abend kam etwas Wind auf und gerade in dem Moment kamen die Mulis rauf. Mein Rucksack war auch dabei. Daniel Lopez nahm die 200 US-$ entgegen und ich konnte meinen Rucksack mitnehmen. Dann ging ich zu den Litauern rüber um zu quatschen. Einem von ihnen ging es nicht gut. Seine Sauerstoffsättigung (SpO2) war von 80 % auf 72 % gefallen und sein Blutdruck stieg auf 170. Der Arzt vermutete ein Lungenödem und wollte ihn morgen mit dem Helikopter ausfliegen lassen. Vielleicht würde es reichen, wenn er noch mal bis Casa de Piedra abstiege und sich dort erholte aber das war nicht meine Entscheidung.
Bei Daniel Lopez hatte ich für heute abend ein Steak bestellt, das würde ich mir schmecken lassen. So lange ich im Basecamp war, wollte ich nicht kochen, sondern immer zu Daniel essen gehen. Das Steak mit viel Zwiebeln ist wunderbar und die Pommes dazu macht er aus kurz zuvor frisch geschälten Kartoffeln. Das ist besser als der Tütenfraß.
Morgen früh checkt mich der Arzt im Basislager, wenn alles passt und ich mich fit fühle wollte ich den geplanten Ruhetag morgen weglassen und schon mal etwas Material auf Lager 1 raufbringen.


So, 25.02.07 – Materialtransport vom Basislager nach Lager 1

Windstille Nacht bei –10 °C. Die erste Nacht, die ich richtig super geschlafen hatte. Gegen 8:00 weckte mich der Helikopter, der Nahrungsmittel und Mineralwasser für die Ranger brachte und dabei die Fäkalien aus dem Basislager mitnahm. Wie ich kurz darauf erfuhr wurde leider auch einer der Litauer heruntergebracht. Er bekam letzte Nacht eine Sauerstoffflasche mit ins Zelt, worauf sich sein Zustand sofort verbesserte. Leider musste er trotzdem runter. Der Arzt wollte auf Nummer sicher gehen. Ein schnelles Aus.
Gegen 8:30 stand ich auf und ging zum Medical Check. Der ist Pflicht und muss am 2.Tag nach der Ankunft im Basislager besucht werden. Bedenken hatte ich keine – der Arzt notierte: SpO2 87 %, Blutdruck 140/80 bei einem Ruhepuls von 65. Damit waren die Werte besser als letztes Jahr nach dem 2.Aufstieg. Ich beschloss heute Material auf Lager 1 hoch zu tragen. Gegen 10:30 lief ich mit dem schwereren der Rucksäcke langsam rauf. Die 2 Litauer wollten später auch was rauf tragen. Nach jeweils einer Stunde hatte ich bisher immer eine Pause eingelegt, diesen Rhythmus wollte ich beibehalten. Nach 3 ½ Std. Gehzeit erreichte ich das Lager 1 auf 5000 m. Ich suchte mir einen schönen Platz, wo ich morgen mein Zelt aufstellen würde und „markierte“ ihn mit meinem Rucksack. Auswahl gab es erwartungsgemäß genug, nur 4 Zelte standen noch auf Lager 1. Deren Bewohner wollten jedoch alle absteigen, da es am Gipfel angeblich zu viel Wind hatte. Das verstand ich zwar nicht, denn laut Wetterbericht sollten es nur 30 km/h sein. Allgemein wurde die diesjährige Saison als sehr schlecht bewertet, was das Wetter und die Anzahl der erfolgreichen Gipfelbesteigungen angingen. Wenn ich allerdings an das Wetter vom letzten Jahr dachte, so war mir jetzt erst richtig klar was für Topbedingungen wir im Moment hatten. Wenn wir es bei den damals so miesen Verhältnissen tatsächlich geschafft hätten, so wäre es fast ein kleines Wunder gewesen.
Nach etwa einer Stunde begann ich wieder mit dem Abstieg. Auch hier oben war noch schönes Wetter und kaum Wind – ganz anders als im letzten Jahr. Kurz vor dem letzten steilen Stück kamen mir die Litauer auf ihrem Materialtransport entgegen. Auch sie wollten dann morgen erstmals auf Lager 1 übernachten. Vermutlich würden wir die Einzigen sein, die im Moment den Aconcagua von dieser Seite angingen.
Als ich wieder im Basecamp ankam hatte es 21 °C im Schatten. Zeit für einen Kaffee und eine Brotzeit. Danach rief ich wie jeden Tag per Satellitentelefon Christine an. Sie gab mir den neuesten Wetterbericht durch, den ich bei Snow-Forecast abonniert hatte. Dabei stellte sich etwas Ernüchterung ein. Für die nächsten 3 Tage wurde stark zunehmender Wind gemeldet.
Gegen Abend ging ich wieder zu dem Zelt von den beiden Litauern, die inzwischen auch wieder von Lager 1 zurückgekehrt waren. Wir quatschten eine Weile und endlich konnte ich mir ihre Namen merken: Saulius und Rūta waren auch schon zum zweiten Mal am Aconcagua. Sie waren vor 2 Jahren bereits einmal hier und damals hatte nur Saulius den Gipfel erreicht. Diesmal wollten sie es noch einmal versuchen und ihre Gruppe war anfangs um einiges größer. Nach und nach waren jedoch fast alle Teilnehmer ausgefallen oder hatten abgesagt und der letzte war ja heute morgen ausgeflogen worden. Nun waren sie noch zu zweit und hatten mich eingeladen mit ihnen weiterzugehen. Außerdem boten sie mir an, ihr Zelt mit ihnen zu teilen. Ich brauchte meinen Weg also nicht alleine fortsetzen, behielt mir diese Option aber offen. Gemeinsam checkten wir die Wetterdaten und besprachen das weitere Vorgehen, das zunächst so aussehen sollte: morgen 10:00 auf Lager 1 aufsteigen und dort übernachten. Am darauffolgenden Tag dann Materialtransport zu Lager 2 auf 5800 m. Alles weitere würde vom Wetter abhängen, doch als frühest möglichen Gipfeltag wollten wir Donnerstag ins Auge fassen. Damit standen uns 4 mögliche Gipfeltage zur Verfügung und sogar ein Aufstiegsversuch über den direkten Polengletscher (Direct Argentina) wurde ins Gesprächs gebracht. Eisgeräte, Eisschrauben, und Seil hatten sie dabei und einen Gurt konnten sie mir leihen. Ich musste zugeben, dass diese Möglichkeit sehr verlockend war. Doch dieser wage Plan würde sich am nächsten Morgen drastisch ändern.
Nachdem ich auch heute wieder das leckere Steak bei Daniel Lopez genießen konnte, verkroch ich mich in mein Zelt. Wenn die Sonne weg ist sinkt die Temperatur gewaltig. So war es auf der neuen Daunenmatte im Schlafsack angenehm warm, während es draußen schon –10 °C hatte und ein eisiger Wind wehte. Ich hoffe es wird morgen noch einmal so schön warm wie heute, denn meine warmen Sachen hatte ich bereits alle auf Lager 1 hinaufgebracht.


Mo, 26.02.07 – noch einmal vom Basislager nach Lager 1

Wieder weckte mich der Helikopter mit dem Lärm seiner Rotorblätter. Nach dem Frühstück, das wie immer aus Südtiroler Schüttelbrot, Schinken und Kaffee bestand, ging ich zum zweiten Medical Check, bereit gleich nach dieser Routineuntersuchung auf Lager 1 aufzusteigen. Der Arzt checkte zunächst SpO2  was bei 86 % lag und damit auf einen guten Akklimatisationszustand schließen lässt. Ganz anders jedoch der Blutdruck. Mit 160/90 war der entschieden zu hoch und der Arzt verbot mir die geplante Übernachtung auf Lager 1, denn der Blutdruck würde weiter oben noch ansteigen und damit in einem kritischen Bereich liegen. Er gab mir Tensiopril (Enalapril 10 mg), was ich 2 x tägl. nehmen sollte und wollte mich heute abend noch einmal sehen. Gerne könnte ich jedoch noch einmal eine Tour auf Lager 1 und zurück unternehmen wenn ich wollte. Die 800 Hm rauf und vor allem wieder runter würden der Akklimatisation sehr dienlich sein. Ich war anfangs nicht besonders überzeugt von der Diagnose und der Meinung, es liege nur an dem Kaffee, den ich kurz zuvor getrunken hatte. Deshalb ging ich eine Stunde später zusammen mit den Litauern noch mal zu ihm, um mich checken zu lassen. Leider ergab dieser Check nur eine unwesentliche Änderung zum Besseren: 150/100. Etwas verärgert verließ ich die Baracke des Mediziners und beschloss tatsächlich noch mal auf Lager 1 raufzulatschen um ein paar Sachen wieder herunterzuholen, denn ich hatte keine Zigaretten und kein Klopapier mehr. Wenn ich einem erzählte, was ich oben holen will, erklärte er mich sicher für total bekloppt, also tarnte ich es als Akklimatisationstour. Nach 2 ¼ Std. war ich oben, schnappte mir das Zeug und stieg wieder ab. Der Wind war heute schon deutlich stärker. Kurz vor dem Camp kamen mir 2 ziemlich fertig aussehende Amerikaner entgegen. Sie hatten den direkten Polengletscher gemacht. Meinen Respekt. Innerhalb von 25 Stunden. Auf der Tour kamen sie an einem toten Bergsteiger vorbei, „der da saß“. Der ältere Kletterer der beiden hatte sich beim Sichern einen Finger erfroren. Kurz nach Mitternacht erreichten sie den Gipfel und wollten dann über die Normalroute absteigen. Die fanden sie jedoch nicht und funkten die Ranger an. Sie fragten nach, wo es denn hier runter ginge. Mit den Instruktionen der Ranger fanden sie den richtigen Abstiegsweg. Nach ihrer Aussage war der direkte Polengletscher im Moment in schlechtem Zustand und sei nicht zu empfehlen. Alles klar.
Auf meinem Rückweg kamen mir Saulius und Rūta entgegen. Sie wollten heute auf Lager 1 übernachten und morgen oben auf mich warten um Material auf Lager 2 rauf zu bringen. Optimistisch stimmte ich zu. Morgen würden meine Werte schon passen, wenn ich den Kaffee wegließe und bei Steak und Pommes auf Salz verzichtete, wie der Doktor empfahl.
Als ich wieder im Basecamp ankam wehte ein heftiger Wind, der mein Zelt ordentlich durchschüttelte. Außerdem hatte der Wind  auch viel Staub aufgewirbelt, wovon auch jede Menge im Inneren meiner Behausung war. Ich kroch hinein und kochte mir einen Kamillentee. Kaffee war ja nicht mehr und bald müsste ich wieder zum Doktor. Als es soweit war, hatte der Doc keine Zeit und sagte ich solle in einer halben Stunde wieder kommen. Ich sagte, das wäre dann aber nach dem Essen und war etwas verärgert. Er entgegnete, er hätte kein Problem damit, mich nach dem Essen zu checken. Offenbar hatte er die Situation durchschaut und ließ mich zappeln. Ich beschloss gegebenenfalls seine nächste Diagnose zu ignorieren und für den Fall der Fälle den Wisch zu unterschreiben, der notwendig ist um ohne dem O.K. des Doktors seinen Weg auf eigene Gefahr hin fortzusetzen. Das nächste Mal aber wollte ich auf jeden Fall selber so ein Messgerät dabeihaben um den Blutdruck auch weiter oben noch messen zu können. Kurz und gut, ich ging zu Daniel Lopez auf ein Steak und ließ zumindest bei den Pommes das Salz weg. Ich musste ja alles tun um den Blutdruck runter zu kriegen. Und letztendlich ist es ja wirklich kein Gipfel der Welt wert seine Gesundheit dafür aufs Spiel zu setzen. Tatsächlich verlief der nächste Check beim Arzt negativ. Blutdruck 160/100 und damit leider kein grünes Licht. Der Doc wollte mich morgen früh und morgen abend noch einmal sehen. Ich reagierte ganz entspannt um die Situation vielleicht noch irgendwie zu retten, hatte aber keine Ahnung wie ich das machen sollte. Gegen den Besuch morgen früh sprach ja eigentlich nichts, was eine Aktion erfordern würde. Doch auf einmal und völlig unerwartet machte der Medizinmann einen Rückzieher: er fragte mich wie viele Tage ich noch Zeit hätte. Ich sagte 6 Tage. Daraufhin entgegnete er, wir werden die Medikation ändern: Morgens eine Nifedipine (Adalat 10 mg) und eine Enalapril, dann abends noch eine Enalapril. Außerdem kein Salz und keinen Kaffee. Damit sollte der Weg nach oben möglich sein. Wer sagt’s denn, geht doch. Spaß beiseite, morgen um 10:00 müsste ich trotzdem noch mal antreten. Das war zwar zu spät um Saulius noch beim Materialtransport nach Lager 2 zu begleiten, denn wir hatten vereinbart, wenn ich bis 12:00 nicht oben bin solle er losgehen, denn man könne davon ausgehen, dass mich der Doc dann nicht aufsteigen ließe, aber immerhin käme ich noch auf Lager 1.


Di, 27.02.07 – aller guten Dinge sind drei: zum dritten Mal Basislager nach Lager 1

Um 8:30 trank ich meinen leckeren Kamillentee und aß zur Abwechslung mal nichts. Eventuellem Bewegungsdrang versuchte ich energisch entgegen zu wirken und bei jeder Bewegung schielte ich auf den Pulsmesser, dessen Ziffern der Anzeige schon einen Sprung  von 5-10 Zählern machten, wenn ich auch nur den Arm hob um das Display zu betrachten. Nur ein Idiot kann das als gutes Zeichen deuten und den Zeichen wollte ich ja folgen, so hatte ich mir vor ein paar Tagen beim Anhören des Audiobooks von Pablo Coelhos „Alchimist“ vorgenommen.
10:00 Arztbesuch. Blutdruck 130/80, SpO2  83 %. Grünes Licht. Wow. Zum dritten Mal ging es rauf auf 5000m, diesmal aber tatsächlich um da zu übernachten. Rückblickend betrachtet ein akklimatisationstechnisch perfekter Ablauf. Wie war das noch mit dem Folgen von Zeichen? Go for it. So ohne was im Magen geht das aber nicht: erst einmal ordentlich frühstücken. Und her mit dem Schinken. Dann ganz langsam aufsteigen. Nach 3 ½ Std. hatte ich Lager 1 erreicht. Rūta kam mir aus dem Zelt entgegen, sie lud mich in ihr Zelt ein um mich aufzuwärmen. Saulius war gerade zu Lager 2 unterwegs. Er konnte mich von oben sehen und war froh, dass ich aufsteigen durfte. Außerdem hatten die beiden Funkkontakt und Rūta informierte Saulius über meine Ankunft. Für einen Materialtransport meinerseits war es jedoch schon zu spät, vor allem aber zu windig und zu kalt. Der Wind wurde immer stärker und meine Lektion, die ich in Bezug auf Zelt aufbauen bei solchen Verhältnissen letztes Jahr gelernt hatte, war enorm gefragt: Innenzelt ausbreiten und sofort zwei Rucksäcke reinlegen, damit es nicht davonfliegt. Dann die Pausen etwas abflauenden Windes abwarten, schnell die Stangen einfädeln, das Überzelt drüber werfen und sofort mit Schnüren verankern. Alles gut verzurren. Zeltanker mit mehreren Steinen sichern. Fertig, muss halten. Einzug ins geliebte Zuhause. Im Schutz des Zeltes wechselte ich sofort die Klamotten. GoreTex-Hose, Daunenjacke, dicke Norwegersocken und Mütze. Fleecehandschuhe an, Daunenhandschuhe in die Taschen gesteckt. Noch mal raus und Christine anrufen. Bis einschließlich Samstag vermeldete sie starken Wind, doch dann sollte selbiger nachlassen: das Wetterfenster für den Gipfeltag war die optimistische Interpretation. Wenn das mal eine gute Nachricht war. Ich war außer mir vor Freude. Was für ein herrlicher Tag! Mit dieser Information im Hinterkopf werden sich die 2 Tage schlechten Wetters doch wohl aushalten lassen.
Die Litauer und ich waren die einzigen in Lager 1 und auf Lager 2 war auch keine Sau mehr. Unsere Zelte standen unweit voneinander entfernt. Meines hatte ich – so wie schon im Basislager - im Schutze eines großen Gesteinsbrockens aufgebaut. Über uns pfiff der Wind und trieb ein paar Wolken voran. Das Zelt presste er hernieder, doch es stand immer wieder auf wenn der Wind mal etwas nachließ. Vorsichtshalber verstaute ich alles Herumliegende in die Rucksäcke, falls es einmal nicht so sein sollte und es mir die Behausung des nachts zerfetzen würde. 3 Tage mit diesen Verhältnissen wurden vorhergesagt, dann sollte es besser werden. Hoffentlich. Saulius und Rūta erzählten mir, dass sie schon letzte Nacht kaum geschlafen hätten. Immer wenn der Wind eine der Zeltwände eindrückt und herniederlegt haben sie sich mit Händen und Füßen dagegenstemmen müssen. Durch den Wind und die Geräusche, die er im und am Zelt verursacht ist es auch saulaut. Außerdem drückt er einem immer eine der Zeltwände irgendwohin und lässt einen nicht zur Ruhe kommen. Zudem gibt es Mäuse, die sich ins Zelt fressen. Jeden Tag fand man neue Löcher, die man mit DucTape verkleben musste. Bei Rūta habe die Tierchen den Innenschuh des Plastikbergschuhs um Material erleichtert, dass sie offenbar zum Nestbau benutzten. Aber ansonsten ist alles O.K. hier. Als die Sonne verschwand hatte es –6 °C. Nach dem Abendessen ging ich rüber ins Zelt zu den Litauern. Saulius hat immer was interessantes zu erzählen. Sei es von seiner erfolgreichen Mt. Everest Besteigung oder von anderen Touren an Achttausendern. Rūta, die ihn oft auf diesen Touren begleitet hatte, bestätigte, dass er ein erstklassiger Bergsteiger war, was Entscheidungsfindung und Urteilsvermögen anbelangte. Für mich war es ein Glück und eine wahre Freude mit den beiden jetzt am Aconcagua unterwegs sein zu dürfen. Spät am Abend ging ich wieder rüber in mein Zelt. Es wurde fast plattgedrückt von dem Wind, doch mein gutes altes Coleman stand immer wieder auf und Christine hatte extra noch einen neuen Reisverschluss an einem der Eingänge eingenäht. Die Daunenmatte in die Mitte des Zeltes gelegt und mit Ohrstöpseln ließ es sich eigentlich erträglich, ja fast gut, schlafen. Manchmal jedoch schüttelte der Wind Kopf oder Füße und dabei wachte ich kurz auf. Die Temperatur im Zelt sank in Lager 1 auf –14 °C.


Mi, 28.02.07 - Materialtransport vom Lager 1 zum Col Camp

Gegen 9:30 stand ich auf, kochte Kaffee und frühstückte, d.h. eigentlich stand ich gar nicht auf, denn das ging alles im Liegen vom Schlafsack aus. Die Sonne schien bereits auf das Zelt, es wurde langsam wärmer und der Wind hatte etwas nachgelassen. Die Litauer hatten sich entschlossen heute im Camp zu bleiben. Ich wollte etwas Material zu Lager 2 rauftragen. Daunenjacke und Handschuhe waren jetzt bereits notwendig, denn je höher man kam um so stärker wurde der Wind. Es dauerte eine Weile bis ich richtig in die Gänge kam. Nach 200 Höhenmetern ging es dann ganz gut voran. Oben am Ameghinograt, auf etwa 5400 m, nahm der Wind so an Stärke zu, dass es mich fast wegwehte. Zudem schneite es leicht. Am Grat, nur wenige hundert Meter vom Col Camp entfernt, befand sich eine Art Notbiwak. Hier warf ich den Rucksack ab, beschwerte ihn mit Steinen und stieg wieder zu Lager 1 ab. Mein Camelbak war komplett eingefroren, dadurch hatte ich für den Abstieg nichts zu trinken. Ich ging noch in Trekkingschuhen, die Plastikbergschuhe hatte ich mit der anderen Hälfte meines Equipments in dem Notbiwak gelassen. Im Moment vermisste ich die klobigen Dinger auch nicht.
Als ich wieder auf Lager 1 ankam, luden mich Rūta und Saulius in ihr Zelt ein. Es gab Käse, Schinken und Knoblauch. Lecker. Saulius erzählte vom Himalaja. Die Geschichten waren sehr interessant und manchmal sogar lustig.
Heute Nacht sollte der Wind noch einmal zunehmen. Laut Wetterbericht bis zu 75 km/h. Mein Zelt hatte ich schon gesichert. An allen 4 Ecken im Innenzelt hatte ich große Steine hingelegt. Platz war ja genug und so konnte es mir nicht davonfliegen wenn ich nicht drinlag. Hauptsache das Außenzelt zerreist es heute Nacht nicht. Da das gute alte Coleman schon letztes Jahr starken Winden und Böen standgehalten hatte, war ich zuversichtlich.
Kurz nachdem die Sonne unterging hatte es schon –10 °C im Zelt. Mein Camelbak war logischerweise noch immer eingefroren. Als Behältnis für Getränke stieg ich nun auf die Weithalsflasche um und außerdem hatte ich noch eine leere 1 ½ Liter Mineralwasserflasche, die ich im Basecamp bei den Rangern abstauben konnte. Eigentlich sollte sie aber als Pissflasche dienen, doch dafür hatte ich schon Ersatz gefunden. Da man am Tag mindestens 5 Liter trinken muss um sich gut zu akklimatisieren, muss man auch nachts 1-2 x raus zum Pinkeln. Wenn man eine Pissflasche hat und noch dazu allein im Zelt ist, kann man sich das natürlich leichter machen. Oder, um Hans Kammerlander zu zitieren: wenn du mal nachts nicht raus musst kannst du es mit dem Gipfel vergessen.
Der Wetterbericht, den ich auch heute wieder von Christine per Satellitentelefon übermittelt bekam, versprach noch immer gute Bedingungen für das Wochenende. Wir würden nur aushalten und uns rechtzeitig in Startposition (Lager 2) bringen müssen. Es bestand überhaupt kein Anlass umzukehren und die Akklimatisation, die schon sehr gut voranschritt, wurde mit jedem Tage in der Höhe noch besser.
Selbst auf Lager 1 gab es noch ein paar Mäuse. Wenngleich nicht so viele wie im Basislager. Da manche Bergsteiger ihren verdammten Müll liegen lassen finden die Tierchen immer etwas zu fressen. Dann gibt es noch ein paar Greifvögel, die die Mülltüten auffetzen und bei dem Wind fliegt dann der ganze Mist davon.


Do, 01.03.07 – Vom Lager 1 zum Col Camp

Ich schlief tief und fest bis 10:00. So lange hatte ich bisher noch nie geschlafen aber schließlich war ich ja im Urlaub. Das Wetter war im Moment ganz angenehm, kaum Wind und strahlender Sonnenschein. Saulius meinte, wir sollten auf Lager 2 aufsteigen und mit dem Packen der Rucksäcke beginnen. In Lager 1 ließen wir nur ein paar Vorräte. Ich hatte sie auf einem Gesteinsbrocken deponiert und gut mit ein paar Steinen eingebaut, damit keine Vögel rangehen konnten. Und für die Mäuse war der Gesteinsbrocken zu hoch und zu steil.
Gegen Mittag machten wir uns auf den Weg Richtung Lager 2. Je höher wir kamen um so stärker wurde der Wind. Am Grat, wo ich gestern meinen Rucksack deponiert hatte, war es besonders schlimm. Und wieder begann es zu schneien. Ich tauschte die Trekkingschuhe gegen die Plastikbergschuhe und nahm zusätzliches Gepäck aus dem Depot auf, was ich später brauchen würde. Bis Camp 2 würden wir es aber ganz sicher bei den Bedingungen nicht schaffen. Wir wollten zusehen, dass wir wenigstens bis zum Col Camp kamen, das auf etwa 5500m liegt. Bis dahin war es nicht mehr weit und über dem Grat lies der Wind dann auch etwas nach. Am Col Camp angekommen bauten wir zunächst eine Schutzmauer aus Steinen aus. Rūta und Saulius boten mir einen Platz in ihrem Zelt an, so brauchte ich meins gar nicht aufbauen. Platz war genug und zu dritt im Zelt ist es unterhaltsamer und wärmer. Arbeiten wie Schneeschmelzen und kochen konnten wir aufteilen. Ich machte gleich mal den Anfang und schmolz 2 Stunden lang Schnee für Trinkwasser und zum Kochen. Ansonsten aber leistete Saulius immer den größten Anteil bei solchen Arbeiten, was ihm aber auch Spaß machte.
Den ganzen Abend schneite und stürmte es, im Zelt aber war es gemütlich und warm.


Fr, 02.03.07 – Vom Col Camp zum Lager 2

Am Morgen war der Schnee draußen wieder weg, doch der starke Wind blieb uns noch erhalten. Ich bereitete Tee zum Frühstück und brutzelte Schinken in der Pfanne. Im großen und ganzen war unsere Lage gar nicht schlecht. Theoretisch könnten wir sogar vom Col Camp bei gutem Wetter einen Gipfelversuch machen. Das wären dann halt 300 Hm mehr als von Lager 2 aus. Die Frage war nur, ob wir auch bereit wären auf besseres Wetter zu warten und auszuharren. Ich rechnete mir aus, wann mein letzter möglicher Gipfeltag wäre, so dass ich noch rechtzeitig runter und raus aus dem Tal käme ohne den Flieger zurück nach Deutschland zu verpassen. Das wäre der Montag, also erst in 3 Tagen. Bis dahin wollte ich auf jeden Fall auf besseres Wetter warten und sollten sich die beiden für den Abstieg entscheiden, so konnte ich immer noch alleine weiter machen, so wie ich es anfangs geplant hatte. Mein Zelt hatte ich ja noch dabei und Nahrungsmittel sowie Brennstoff waren genug vorhanden. Wenn man im Camp etwas umherstreifte fand man immer etwas, das andere Bergsteiger zurückgelassen hatten (außer deren Scheißhaufen, die man ja normalerweise mit runter ins Basecamp nehmen muss). Neben vollen Gaskartuschen hatte Saulius bei solch einem Streifgang ein paar Steigeisen sowie unversehrtes Travellunch „Mousse ou Chocolate“ und Travellunch „Müsli“ gefunden, dass jedoch letztendlich keiner haben wollte.
Am Nachmittag ließ der Wind nach und Saulius gab wieder einmal den entscheidenden Schub: Fertigmachen zum Aufstieg nach Lager 2. Da wir nur ein Zelt aufgebaut hatten, waren wir schnell bereit. Zum letzen Mal Rucksäcke nach oben tragen war im Moment mein einziger Gedanke. Bis zum Camp 2 auf 5830 m ist es nicht besonders weit, doch das letzte Stück hatte es in sich, denn es ist extrem steil und man geht auf losem Schotter wobei man bei jedem Schritt (der ohnehin nicht länger als eine Schuhlänge ist) einen halben wieder zurückrutscht. Ich hatte ordentlich zu kämpfen und die letzten Meter fielen mir sehr schwer mit dem elenden Monster von Rucksack, den ich am liebsten den Hang runtergeschmissen hätte.
Auch auf Camp 2 bauten wir wieder nur ein Zelt auf. Mir war das vor allem der Unterhaltsamkeit wegen lieber, denn Saulius erzählte wie jeden Abend wieder von Everest Shishapangma & Co. Außerdem kochten die beiden und ich brauchte nur zu essen.


Sa, 03.03.07 – Ruhetag auf Lager 2

Die Nacht war sehr stürmisch und schlafen konnte man wirklich nur mit Ohrstöpseln, die nur die allerstärksten Windgeräusche durchdringen ließen. Das Thermometer, das unter dem Außenzelt lag, zeigte –21 °C. An einen Aufstieg war heute nicht zu denken. Saulius meldete erste Zweifel an meinen, respektive Christines Wetterberichten an. Wir beschlossen einen Ruhetag einzulegen. Das Wetter kann am Aconcagua sehr schnell wechseln. Auch zum Positiven hin. Als ich das Zelt verließ um eine Zigarette zu rauchen und zu schei... spürte ich beunruhigende Anzeichen von Schwäche, was vermutlich an einer Dehydrierung lag. Ich hatte etwas zu wenig getrunken innerhalb der letzten 24 Stunden. Sofort beschloss ich das nachzuholen und trank während der nächsten 2 Stunden 3l Wasser. Zusehends verschwand die Schwäche und ich fühlte mich wieder fit. Sehr gut, gerade noch mal gutgegangen. Meine bisher sehr gute Akklimatisation wollte ich auf gar keinen Fall aufs Spiel setzen.
Das Zelt verließ ich an dem Tage nicht mehr sehr oft, doch ab und an trieb mich der fantastische Blick auf den Polengletscher zu Fotos raus. Gegen Abend rief ich wieder Christine an. Sie versprach mir für morgen bestes Gipfelwetter. Ich war so berauscht von den Wetterdaten, dass ich Saulius mit meiner Freude ansteckte. Er holte seine Videokamera raus und ich musste die Wetterdaten noch einmal vorlesen. Dabei mussten wir ausgiebig lachen, denn die stündlich sinkenden Windgeschwindigkeiten betonte ich immer besonders. Der Gipfelsturm für morgen war jetzt beschlossene Sache. Das Warten sollte ein Ende haben.


So, 04.03.07 – Gipfeltag

Die Nacht war ruhig und klar. Den Wecker hatten wir auf 5:30 gestellt, standen jedoch erst gegen 6:00 auf. Erst einmal Tee kochen und frühstücken. 7:18 waren wir startklar. Die Sonne ging gerade über dem Valle de Vacas auf und zwischen White Rocks und Indepencia – auf der anderen Seite – stand der Vollmond am Himmel. Fantastisch.
Wir legten die Steigeisen an und gingen langsam los. Außer Teleskopstöcken, meiner Kamera, dem Satellitentelefon, 1,5 l  Wasser und ein paar Powerbars hatte ich nichts weiter dabei. Leichtes Gepäck. An Klamotten trug ich 2 paar lange Unterhosen, darüber die GoreTex-Hose, dicke Norwegersocken in den Plastikbergschuhen, ein Funktionsunterhemd, eine Fleecejacke, die fette North-Face Daunenjacke, Windstopperfleece-Handschuhe, dicke Daunenhandschuhe und auf dem Kopf die Norwegermütze. Ich hatte überlegt, ob ich nicht 2 Paar von den dicken Socken anziehen sollte. Saulius meinte jedoch das wird bestimmt zu eng im Schuh. Besser nur ein Paar anziehen und den Fuß im Schuh noch bewegen können war sein Tipp. So machte ich es auch mit dem Resultat, dass der große Zeh des rechten Fußes gleich nach ein paar Metern gefühllos vor Kälte wurde. Während des Laufens versuchte ich den Zeh im Schuh nun immer auf und ab zu bewegen, Wenn die Sonne höher steht und mehr wärmt wird sich das schon geben und so war es schließlich auch. Saulius, der Nepal-Mountain-Top Schuhe (schwere Lederbergschuhe) + Überschuhe anhatte, ging es ähnlich. Nur, dass es bei ihm nicht ein Zeh war, sondern beide Füße. Am Aconcagua holen sich jedes Jahr einige Bergsteiger schwere Erfrierungen. Wir wussten das und wollten auf jeden Fall gut auf Hände und Füße achten, dass sie ja warm blieben.
Wir querten die Hänge des Aconcagua zunächst Richtung Indepencia. Die Route wird „Falso Polacos“ genannt, was soviel heißt wie falsche Polenroute. Früher gingen auf dieser Bergseite nur die beiden Routen am Polengletscher rauf, bis irgendjemand auf die Idee kam von hier zur Normalroute rüberzuqueren, vielleicht weil der Polengletscher gerade nicht machbar war. Daher der Name „Falso Polacos“.
Die Steigeisen brauchten wir in diesen Firnhängen von Anfang an. Würde man ohne die Eisen gehen und stürzen, so wäre das zwar nicht sonderlich schlimm, denn die anschließende Rutschpartie endete nach wenigen Metern im Gesteinsschutt, doch einfacher war es natürlich sicheren Halt zu haben und zügig voranzukommen. Einige Meter unterhalb des Weges ragten die Reste eines im Eis vergrabenen Zeltes heraus. Saulius vermutete, dass man damit einen toten Bergsteiger verdeckt hatte. Im Himalaja ist das wohl so üblich und tatsächlich werden auch am Aconcagua nicht alle Verunglückten geborgen. Uns war allerdings nicht danach der Sache auf den Grund zu gehen und so stiegen wir in Gedanken versunken weiter bergauf.
Nach einiger Zeit erreichten wir die verfallene Hütte des Lagers Indepencia und damit die Normalroute. Hier trafen wir einige Bergsteiger, die aus dieser Richtung aufstiegen. Die meisten gingen unheimlich langsam. Zumindest kam uns das so vor und Saulius meinte daraufhin, dass einige kaum Chancen auf den Gipfel hätten.
Von Indepencia her steigt die Route weiter querend zu den Hängen des Aconcagua an, bis man schließlich auf die berüchtigte Canaletta trifft. Das ist eine 300 Hm Geröllrinne (Couloir) auf deren Gesteinsschutt man bei jedem Schritt einen halben zurückrutscht. Nicht aber in diesem Jahr. Im rechten Teil der Rinne lag Schnee, der verfirnt war und deshalb mit Steigeisen relativ leicht zu bewältigen war. Zudem war es windstill und das Wetter fantastisch. Wir kamen zügig voran. Ab und an stiegen wir an einigen Gruppen vorbei. Etwa eine Stunde vom Gipfel entfernt kam uns ein Führer mit seinem Klienten von oben her entgegen. Wir beglückwünschten sie zum Erreichen des Gipfels und unterhielten uns kurz. Der Führer meinte, er führe bereits seit Ende November letzten Jahres am Berg, doch solch einen Tag wie heute hätte er die ganze Saison noch nicht erlebt. Wir wüssten gar nicht, was wir für ein Glück mit dem Wetter hätten. Grinsend stiegen wir weiter hinauf und ich ertappte mich dabei, wie ich versuchte „Conquest of Paradise“ zu pfeifen. Ich versuchte ein paar Mal die Lippen zu spitzen, doch es kam kein Ton heraus. Vielleicht liegt das an den Druckverhältnissen, dachte ich mir und fragte Saulius warum das mit dem Pfeifen nicht ginge. Mit ernster Mine sagte er nur: „gottseidank geht es nicht, denn das wäre sehr frustrierend für die anderen Bergsteiger wenn einer auf 6900 m Höhe pfeifend an ihnen vorbeiläuft“. Ja, mir geht es wirklich prächtig dachte ich: keinerlei Kopfschmerz, keine Atemnot, nichts. Ab und an warf ich einen Blick auf den Pulsmesser der mit 130 den Durchschnittswert des Aufstiegs anzeigte.
Nach der Canaletta folgt ein kurzer Grat von dem aus man einen schönen Blick auf die beeindruckende Südwand des Aconcaguas hat. Diese Aussicht verspricht ein Gefühl von Ausgesetztheit. Ganz zu schweigen von dem Gedanken in der Wand unterwegs zu sein, die als große Herausforderung unter den extremen Wänden in der Welt gilt. Ein ganz anderes Kaliber um nicht zu sagen eine andere Liga verglichen mit dem Normalweg, auf dessen letzten Metern wir nun zum Gipfel unterwegs waren. Wir gingen nun auf das kleine Gipfelkreuz zu und wieder fällt der Blick unweigerlich auf die Südwand. Weitere Bergsteiger kamen herauf, es wurden Kameras für die begehrten Gipfelfotos getauscht und jeder beglückwünschte den anderen zu „seinem Gipfel“. Die Stimmung und die Freude eines jeden einzelnen war, als ob man sie greifen könne und jeder hatte etwas ganz persönliches hier oben zu erledigen. Saulius holte verschiedene Fahnen aus dem Rucksack, rollte sie aus, hielt sie neben dem Gipfelkreuz hoch und ließ Fotos davon machen. Leider hatte ich keine Fahne dabei, was mich etwas wurmte, denn seit der letzten Fußball-WM kann man das als Deutscher ja eigentlich auch wieder bringen. Statt dessen schraubte ich die Antenne auf mein Satellitentelefon und rief Christine zu Hause an. Ich erzählte ihr, wo ich gerade sitze und was man von hier aus sieht. Saulius filmte mich dabei. Nach 20 min mahnte er zum Aufbruch. Das kam für mich etwas überraschend und ich überlegte, ob ich nicht noch was vergessen hatte, was ich vorhatte hier oben zu machen. Da mir nichts einfiel machte auch ich mich bereit für den Abstieg. Die Bedachtsamkeit von Saulius den Abstieg im Auge zu behalten war wieder eines jener Dinge, die er auf anderen Bergen gelernt hatte, denn er weiß wie trügerisch der Gipfel sein kann, dessen Erreichen ja nur den halben Weg der Tour darstellt. Das Wetter oder die persönliche Verfassung können sich schnell ändern, oder anders ausgedrückt „while reaching the summit is optional, getting off the mountain is mandatory“.
Während der Aufstieg 8 ½ Std. gedauert hat, ging es runter zu Camp 2 in nur 2 ½ Stunden. Als erstes kochte ich Suppe und Tee. Alle krochen wir heute abend schnell in unsere Schlafsäcke. Feiern wollten wir unseren Gipfelsieg erst morgen im Basislager.


Mo, 05.03.07 – Abstieg von Lager 2 ins Basislager

Gegen Mittag waren wir endlich soweit, dass das Zelt abgebaut, die Rucksäcke gepackt und unsere Fäkalien zum Abtransport eingesammelt waren. Wir begannen mit dem Abstieg über Col Camp zu Lager 1, wo wir erst mal kräftig Brotzeit machten. Die Sachen aus Col Camp hatten wir mitgenommen und hier in Lager 1 lag auch noch Zeug von uns rum, das wir jetzt in die Rucksäcke stopften. Die Tüte mit den Fäkalien, die man im Basislager für die oberen Lager ausgehändigt bekommt war ordentlich gefüllt außen am Rucksack angebunden. Noch war das Zeug gefroren, doch dieser Aggregatzustand würde sich mit zunehmender Sonneneinstrahlung bei gleichzeitig abnehmender Höhe ganz allmählich ändern. Und so geschah es, dass während einer Pause auf der Moräne in Höhe 4600 m mein Rucksack umkippte und mit seinem Gewicht auf die Tüte mit dem brisanten Inhalt drückte. Ganz klar, dass ich sofort das Wort aussprach, um dessen Inhalt es sich bei der Tüte handelte und mein erster Gedanke derselben galt. Es war jedoch nichts dergleichen passiert. Alles war noch heil.
Am Abend erreichten wir das Basislager. Daniel Lopez hatte eine Bergsteigergruppe von 25 Mann aus Holland zu Gast. Damit war der Laden voll und wir mussten uns eine andere Lokalität für unsere Party heute abend suchen. Es lag nahe das Zelt von Saulius und Rūta zu nutzen, denn da kannten wir uns ja aus. Die beiden kochten zur Abwechslung mal wieder. Diesmal aber noch viel besser als je zuvor: es gab frisch gekochte Kartoffeln, als Vorspeise einen Eintopf mit Weiskohl, Salat, Käse und Salami. Als Aperitif einen argentinischen Ramazotti, dessen Alkoholgehalt 17% über dem des Getränks liegt, das wir so bezeichnen und der pur eigentlich ungenießbar ist. Dann wurde eine Flasche Rotwein entkorkt und dekantiert. Wir ließen es uns schmecken und gingen nach dem Essen langsam aber sicher in Schräglage. Das konnte uns aber nicht vom Genuss der Getränke abhalten wobei Stimmung und Unterhaltung immer ausgelassener wurden. Wir hatten es alle drei geschafft und das wurde jetzt gefeiert. Als die Neige der Flaschen erreicht war krochen wir in die Schlafsäcke – das jedoch nicht ohne vorher eine weitere gemeinsame Tour auf einen Berg vereinbart zu haben (ohne jedoch ein konkretes Ziel zu nennen).

 


Di, 06.03.07 – Vom Basecamp ins Valle de Vacas

Bei windstiller Nacht und angenehmen Temperaturen haben wir geschlafen wie die Murmeltiere. Einen Kater hatten wir nicht, denn selbstverständlich wurden ja gestern nur edle Tropfen zu sich genommen. Nach einem ausgiebigen Frühstück wurden die Rucksäcke gepackt, die jetzt wirklich zu monsterhaften Gestalten herangewachsen waren. Deren Gewicht war beeindruckend und Maultiere wären frühestens für übermorgen zu kriegen. Somit hatte jeder seine Last selbst zu tragen. Saulius hielt mit 34 kg den Rekord unter uns. Ich konnte mit 27 kg immerhin den 2.Platz belegen während Rūta mit der Bronzemedaille aus dem Rennen ging. Als wir fertig mit dem Packen waren stiegen die Holländer gerade auf Richtung Lager 1. Wie Perlen an einer Schnur gingen sie beherzt an uns vorbei. Ich wünschte ihnen viel Erfolg und sprach den einen oder anderen auf seinem Vorbeimarsch an. Der letzte Mann hatte beeindruckende Schuhe an. Millet Everest, ein Schuh mit integriertem Überschuh, der für einen Achttausender oder die Antarktis die erste Wahl ist. Temperaturbereich bis –50 °C, beheizbar. „Hoho“, sagte ich, „nice boots!“ und stimmte spontan ein Lied von Nancy Sinatra an: „These boots are made for walking...“. Daraufhin fiel die gesamte Gruppe in ein Gelächter und setzte den Song fort: „and that's just what they'll do one of these days these boots are gonna walk all over you”. Jetzt konnte ich mich vor Lachen kaum noch halten, denn während der Trek nach Westen zog sangen sie das Lied weiter. Unbeschreiblich.
Die ersten Stunden des Abstiegs gingen ganz locker. Ab und an hielten wir an um zu fotografieren. Saulius hatte noch 2 Dosen Bier, die er von Daniel Lopez für ein paar volle Gaskartuschen bekommen hatte. Wir tranken sie aus damit er Gewicht sparen konnte, denn sein Rucksack war ja der schwerste von uns allen.
Irgendwann verschwand der Aconcagua aus dem Blickfeld. Es ging jetzt langsam hinunter zur Schlucht vor Casa de Piedra. Auf den rutschigen Pfaden an den steilen Abhängen empfand ich etwas Beklemmung. Saulius empfahl die Trekkingschuhe gegen die Plastikbergschuhe zu tauschen. Doch die waren ganz unten im Rucksack und ich war mir nicht sicher ob das den Aufwand wert wäre, entschied mich deshalb mit den Trekkingschuhen weiter zu gehen. Nach ein paar Metern, auf denen ich mich unter schmerzhaftem Griff an ein paar Dornenbüschen zu halten versuchte und das Ganze nicht wirklich gut aussah, ging Saulius voraus, legte seinen Rucksack ab, kam zu mir zurück und sagte: „Wenn einer von uns in die Schlucht stürzt haben alle ein Problem, gib mir deinen  Rucksack, ich trage ihn rüber, bis wir wieder sicheres Gelände erreichen. Außerdem muss man hier auch auf Steinschlag aufpassen. Hier liegen einige Steine, die letzte Woche noch nicht da waren“. Dankbar nahm ich dieses Angebot an und konnte später feststellen, wie schnell man unter der Last des Rucksacks aus dem Gleichgewicht kommen kann, wenn man stolpert und wie leicht einen der Rucksack dann einfach umwirft. Ich denke man kann sich leicht vorstellen welche Bedeutung diese Geste zu diesem Zeitpunkt für mich hatte. Schon letztes Jahr hat mich die Passage fast zum Verzweifeln gebracht. Damals hatte ich nur leichte Laufschuhe an und kam mir an den steilen und rutschigen Stellen vor wie wenn ich auf Eiern laufen würde. Aber 99 % des Weges sind eben mit leichten Schuhen angenehmer zu laufen als mit klobigen Bergschuhen, die wegen der dicken Socken auch noch eine Nummer größer sind. Und natürlich weiß jeden Depp – und sogar ich – dass Turnschuhe in den Bergen kein geeignetes Schuhwerk sind. Die Praxis sieht aber anders aus, so lief z.B. der Führer der Holländer keine 5m hinter dem Mann, der die schweren Millet trug, mit Turnschuhen. Ebenso ist der Bergsteiger, der den Speedrekord am Aconcagua in diesem Jahr aufgestellt hat, mit Turnschuhen auf dem Gipfel gewesen. Das soll nur erklären, warum ich in leichtem Gelände keine Bergschuhe anziehe und nicht etwa ein Tipp sein dieselben zu Hause zu lassen.
Nach 4 ½ erreichten wir die Flussquerung zu Casa de Piedra. Das Wasser reichte diesmal bis zu den Oberschenkeln, die Strömung war mäßig und die Passage deshalb nicht schwer. Saulius trug seinen Rucksack auf die andere Seite hinüber und ging noch mal zurück. Kurzerhand nahm er Rūta auf den Rücken und gab ihr Anweisung die Augen zu schließen, damit sie nicht schwankt oder sich zu sehr zur Seite lehnt. Die Teleskopstöcke nutzte er um die Balance zu halten. Gebannt stand ich da, verfolgte den Werdegang durch den Sucher der Kamera und fotografierte die wacklige Aktion, jeden Moment mit einem Bad der beiden rechnend. Sicher am anderen Ufer angekommen öffnete Rūta die Augen und betrat wieder festen Boden. Ein Kavalier durch und durch. Meinen uneingeschränkten Respekt.
Weiter ging es nun Richtung Pampa de Leñas und langsam schmerzten Rücken und Hüften von der Last des Rucksackmonsters. Unsere Schritte wurden langsamer und deren Länge merklich kürzer. Zeit eine Pause zu machen. Auf einer sumpfigen Wiese etwa 2km hinter Casa de Piedra, deren Grün uns zum Verweilen einlud machten wir Rast. Fluchend unter dem Einsinken in den Modder  holte ich Wasser vom Fluss und kochte Kaffee während die anderen beiden ihre unerschöpflichen Vorräte auspackten. Ihre Leckereien erschienen mir endlos. Und immer luden sie mich ein daran teilzuhaben.
Bald wurde es dunkel und es regnete leicht. Am Himmel hingen schwarze Wolken und ließen uns erahnen unter welchen Bedingungen die Holländer möglicherweise gerade ihre Zelte aufbauen. Zunächst dachte ich www-ihrseidnichtdabei-de, doch als ich später den Wetterbericht der nächsten Tage im Internet verfolgte, war eines Gewissheit: bei 0-25 km/h Windgeschwindigkeit am Gipfel für einen Zeitraum von 5 Tagen würde es am Wetter garantiert nicht scheitern und das freute mich sehr für sie. Dass allerdings einmal der Helikopter heute abend über uns hinwegflog deutete daraufhin, dass die Gruppe nicht mehr ganz vollzählig war. Genaueres würden uns die Parkranger in Pampa de Leñas morgen sagen können.
Wir hatten alle Stirnlampen auf und folgten dem Pfad. Einmal verloren wir ihn und plötzlich stand ich inmitten von Gesteinsblöcken. Liegt der Pfad unterhalb der Blöcke oder vielleicht doch oberhalb? Hier geht es jedenfalls nicht entlang. Ich schaltete das GPS an, doch nun rächte sich, dass ich die Route nicht aufgezeichnet hatte.  Brauchbare Informationen waren also kaum vorhanden. Das Gerät konnte mir zwar sagen, wie weit es noch bis Pampa de Leñas ist, doch das war nicht die Antwort auf meine Frage, denn im Moment suchte ich nur den verdammten Pfad. Ich schaltete das Ding aus und setzte meinen Weg durch die Geröllwüste fort. Die Anderen bewegten sich unterhalb meiner Position. Saulius gelang es irgendwann back to track zu kommen, doch ich wurde den Eindruck nicht los, dass die Steinmännchen nur dort aufgebaut wurden, wo sie ohnehin keine alte Sau brauchte. Gegen Mitternacht – wir waren bereits seit 11 Stunden unterwegs – signalisierte die Annäherung des GPS an  Pampa de Leñas trotz mehreren Stunden Gehens kaum erkennbare Fortschritte. Wir beschlossen zu lagern und ich schaltete die Stirnlampe auf Fernlicht um. Das reichte ja 120 m laut Beschreibung und tatsächlich wurde ich schnell fündig bei der Wahl für einen Standplatz für unsere Zelte. Unten am Flussstrand war großer weicher Untergrund. Dass der bei entsprechendem Wind ein Vorratsdepot für das Trägermaterial eines Sandstrahlgebläses sein würde entzog sich um diese Uhrzeit unserem Urteilsvermögen und so bauten wir ganz unvoreingenommen unsere Zelte auf. Das Zelt aufgebaut und im Schlafsack liegend warf ich erst mal den Kocher. Ohne zu wissen was ich denn eigentlich kochen wollte, entschied ich mich für ein Getränk. Ich hatte die Wahl zwischen Kaffee und Kamillentee, was zugegebenermaßen eine weite Spanne zwischen zwei Extremen darstellt. Da es für Kaffee wirklich nicht die geeignete Uhrzeit war, entschied ich mich für Letzteres. Leider hatte ich kein Sieb um den Tee abzuseien. Doch über solche Belanglosigkeiten konnte ich mir dann Gedanken machen, wenn ich das nächste Mal vor meine Equipmentliste sitze würde und überlegte welches Teil man besser gegen ein anderes ersetzen sollte. Jetzt würde mein Gebiss dass Sieb für den Kamillentee sein müssen und ich öffnete schon mal den Ausgang des Zeltes, um die Blüten beim Trinken des Tees hinausspucken zu können.


Mi, 07.03.07 – Weiter hinaus aus dem Valle de Vacas
Ich wachte früh auf und als es hell im Zelt war setzte ich Kaffee auf. Das sind alles Handgriffe – sofern man Wasser hat – die aus Reichweite des Schlafsacks machbar sind. Nach dem Frühstück begann ich mit dem Abbau des Zeltes. Vor uns lag die letzte Tagesetappe auf dem Weg durch das Valle de Vacas. Das letzte Mal Rucksack tragen.
Pampa de Leñas erreichten wir gegen 12:30. Fast 2 Stunden wären es also gestern noch bis zu unserem Ziel gewesen. Der Ranger checkte unsere Permits und stellte fest, dass der Stempel für die Abgabe von den Mülltüten fehlte. Wir sagten, wir hätten diese schon im Basecamp bei den Rangern abgegeben, was auch der Wahrheit entsprach. Per Funk nahm er Kontakt mit dem Basislager auf und kontrollierte das. Außer dem Abfall hatten wir den Rangern noch jede Menge Nahrungsmittel und volle Gaskartuschen dagelassen. Sie würden sich also auf jeden Fall an uns erinnern. Es war alles O.K. Wenn es nicht so gewesen wäre, hätten wir eine Strafe von 200 Dollar zahlen müssen. Bevor wir gingen fragten ich nach, was es mit dem Hubschrauber gestern Abend auf sich hatte. Normalerweise fliegt er ja nur am Morgen, es muss also eine guten Grund gehabt haben. Der Ranger bestätigte unsere Vermutung. Zwei ältere Teilnehmer der holländischen Gruppe hatten Probleme mit dem Herzen, deshalb holte sie der Helikopter runter.
Nach einer kurzen Pause setzten wir unseren Weg fort. Mir ging dabei die ganze Zeit ein Lied von Xavier Naidoo durch den Kopf: „dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“. Und das war er auch. Besonders schwer aber war der verdammte Rucksack. Immer öfter stolperte ich, verlor dabei das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Saulius ging es zweimal ebenso. Nach 6 Stunden dachte ich mir, jetzt noch eine Stunde, dann müsste doch endlich der Ausgang des Tales in Sicht kommen. Stattdessen erschienen immer neue Biegungen und kurze Anstiege. Endlich aber signalisierten die ersten Bäume, dass es nicht mehr weit sein konnte. Von den Bäumen wusste ich, dass sie nur am Anfang des Tales stehen. Bevor ich in die Zivilisation zurückkehrte, wollte ich mich noch einem Waschgang unterziehen und frische Sachen anziehen. So stinkend wie letztes Jahr wollte ich mich diesmal nicht in den Bus setzen.
Bald kamen die anderen beiden und gemeinsam marschierten wir nun vor zur Straße. Dann fielen wir in die kleine Truckerkneipe ein, bestellten ein Bier und das Tagesmenü. Außer uns saßen noch 2 Mädchen aus Österreich und der Schweiz in dem Restaurant. Sie waren mit dem Fahrrad von Chile nach Argentinien unterwegs. Wir kamen ins Gespräch und eine der beiden fragte, ob sie mal einen der Rucksäcke anheben dürfe. Sie erwischte den von Saulius und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, als ich sah, dass sie ihn kaum ein paar Zentimeter vom Boden hochheben konnte. Als ich ihr sagte, dass Saulius den Rucksack gestern 11 Stunden und heute 6 Stunden getragen hatte, schaute sie mich ganz ungläubig an.
Saulius telefonierte mit Aymara in Mendoza. Bei denen hatte er im Vorfeld schon den Transport von Las Vacas nach Mendoza gebucht und bezahlt. Es war noch ein Platz frei für mich und ich nahm das Angebot dankbar an mit nach Mendoza zu fahren. Eigentlich müsste ich zwar nach Santiago de Chile, doch dafür war es heute ohnehin schon zu spät. Angeblich sei auch die Grenzstation über nacht zu.
Gegen Mittenacht kamen wir in Mendoza an. Wir fuhren zu dem Hotel, in dem der dritte Litauer abgestiegen war. Willmann begrüßte uns überschwänglich und gratulierte uns zu der erfolgreichen Tour, die für ihn ja ein vorschnelles Ende gefunden hatte. Er war aber wieder vollkommen genesen und spielte jeden Tag Tennis in Mendoza. Nach einer überfälligen Dusche zogen wir noch mal los zu einem italienischen Restaurant. Es gab viel zu erzählen.


Do, 08.03.07 – Relaxen in Mendoza

Nach dem Frühstück im Hotel hatten wir einiges zu erledigen. So musste ich ein Busticket für morgen früh von Mendoza nach Santiago besorgen und den Rückflug bestätigen. Als das erledigt war konnte ich den Nachmittag in Mendoza genießen. Am Abend ging ich dann noch mal richtig gut essen.


Fr, 09.03.07 – Von Mendoza zurück nach Santiago de Chile

Der Bus ging um 7:30. Ich ließ mich vom Nachtportier des Hotels um 6:00 wecken und nahm ein Taxi zum Busterminal. Den Bus dürfte ich auf keinen Fall verpassen, sonst würde ich den Flieger heute Abend nicht erreichen. Es lief alles glatt. Der Bus brauchte zwar eine Stunde länger als sonst aber das hatte ich eingeplant und war um 15:00 am Flughafen.
17:45 startete der Flieger und diesmal flog der Pilot doch tatsächlich am Aconcagua vorbei, so dass ich noch einen wehmutsvollen letzten Blick auf den Berg werfen konnte...

Die diesjährige Besteigung des Aconcaguas war für mich eine der schönsten Touren, die ich bisher unternommen habe. Von Anfang an lief alles zu meiner vollsten Zufriedenheit. Jeder Tag war ein Highlight und es hat richtig Spaß gemacht. Der größte Glücksfall aber waren für mich Rūta und Saulius. Ohne sie wäre es halb so schön und um einiges gefährlicher gewesen. Während der kurzen Zeit, die wir zusammen verbringen konnten, sind mir die beiden sehr ans Herz gewachsen. Ich möchte mich nochmals ganz herzlich bei ihnen bedanken und hoffe sie eines Tages wiederzusehen, um vielleicht wieder eine Tour gemeinsam mit ihnen unternehmen zu können. Saulius, der einer der besten Alpinisten Litauens ist, wird noch dieses Jahr zum Broad Peak aufbrechen. Weiterhin hat er vor, den Mount Everest noch einmal von der Südseite her zu besteigen. Ich wünsche ihm für diese beiden Expeditionen viel Glück. Möge er Erfolg haben und hoffentlich gesund zurückkehren.

Mein besonderer Dank aber gilt Christine, die mir täglich die Wetterdaten per SMS an das Satellitentelefon gesandt und vor der Tour noch extra einen neuen Reisverschluss in mein altes Colemanzelt eingenäht hat. Außerdem hat sie die Website mit aktuellen Meldungen versorgt und einige konnten so die Tour nahezu live mitverfolgen. Mir kamen fast die Tränen als ich die Beiträge dann in Mendoza lesen konnte. Wir haben täglich telefoniert und vor allem die Gewissheit über die bevorstehenden Schönwettertage haben uns in den oberen Lagern sehr geholfen auszuharren.

Nicht zuletzt möchte ich mich bei allen bedanken, die mir täglich SMS gesandt und mir die Daumen gedrückt haben. Das hat mir viel Mut gemacht und mich nie an der Erreichbarkeit meines Zieles zweifeln lassen.

Letzte Aktualisierung ( Samstag, 1. März 2008 )
 
 
   
 
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