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Aconcagua 2006 - Story Drucken E-Mail
Geschrieben von Tomsky   
Samstag, 20. Januar 2007

Im Februar 2005 kam uns bei der Besteigung des Cerro Marmolejo in Chile die Idee doch einmal den Aconcagua anzugehen. Ein Jahr später war es schließlich soweit: Andy Falkner und ich machten uns wieder auf den Weg nach Südamerika, um unser Glück am höchsten Berg der Anden zu versuchen. Wir entschieden uns für eine Route, auf der nicht solche Massen wie auf der Normalroute unterwegs sind. Die Polentraverse bot sich dafür an, denn sie führt durch zwei schöne Täler und sollte technisch einfach zu machen sein - falls das Wetter mitspielt...

20.02. - 12.03.2006 - ein Tourenbericht von Thomas Arnold

21.Februar
Die Maschine überquerte die Anden von Ost nach West, sie befand sich bereits im Landeanflug auf Santiago de Chile, als rechts von uns die gigantische Südwand des Aconcagua auftauchte. Schneebedeckt und wegen ihrer Ausgesetztheit extrem respekteinflößend lag diese Wand unter uns. Der Himmel war blau und beinahe klar, nur wenige Wolken zogen über die Berge. Die Sicht auf den Berg konnte nicht besser sein und ich meinte sogar die Zelte eines Hochlagers in der Wand erkennen zu können. Diese Wand, die zu den größten Herausforderungen unter Bergsteigern zählt, war aber nicht unser Ziel. Doch dem Berg, der mit 6962m der höchste Berg Südamerikas ist und zudem die höchste Erhebung außerhalb Asiens darstellt, galten all unsere Vorbereitungen in den letzten Wochen und das Reisefieber brannte. Wir konnten die Landung kaum erwarten, denn nun, so hofften wir inständig, würde ein Traum in Erfüllung gehen – die Besteigung des Aconcaguas.
Santiago empfing uns mit angenehmen 25°C und es wehte ein leichter Wind. Sogleich machten wir uns auf zum „El Patio Suizo“ im Stadtteil Providencia, einer uns vom Vorjahr her gut bekannten Unterkunft und organisierten unsere Fahrkarten nach Mendoza/Argentinien. Wir bekamen einen Bus für morgen früh. Somit würden wir keinen Tag verlieren und konnten möglicherweise gleich morgen unsere Permits für den Aconcagua bekommen.
 

22.Februar
Von Santiago aus ging es in Richtung argentinische Grenze. Bald führte die Straße einen steilen Pass hinauf bis zum Grenzübergang, der auf 2800m lag. Er bestand aus einer riesigen Halle in der PKW's und Busse abgefertigt wurden. Überall standen Schilder auf denen stand, dass man keine Lebensmittel einführen dürfe. Da das Gepäck geröntgt wurde hatten wir Bedenken, dass unser Brot und die Salami dran glauben müssten. Doch wir hatten Glück und brauchten unsere Lebensmittel nicht hergeben. Nach den Aus- und Einreiseformalitäten ging es weiter Richtung Mendoza. Die Straße führte durch ein Wintersportgebiet, das jetzt jedoch trostlos aussah und verlassen wirkte. Der Aconcagua musste zu unserer Linken liegen, doch wir konnten ihn nicht sehen und schon bald ging es hinab ins Tal. Hier reichten endlose Weinanbaugebiete bis an die Straße. Am späten Nachmittag erreichten wir Mendoza. Mit einem Taxi machten wir uns gleich auf den Weg um die Permits zu besorgen. Das Büro würde um 18:00 schließen, wir mussten uns also beeilen. Leider gaben unsere Reiseführer die falsche Adresse für das Büro an, so dass unser Taxifahrer mit seine Annahme recht behielt, dass das Büro ganz woanders sei als wir es suchten. Gerade noch rechtzeitig kamen wir im richtigen Büro an und konnten die Formalitäten erledigen. Jetzt stand unserer Tour nichts mehr entgegen. In einem Bergsportgeschäft hatte ich Gaskartuschen reservieren lassen, da man diese ja mit dem Flugzeug nicht mehr einführen darf. Die mussten wir noch abholen, dann konnten wir uns einen letzten gemütlichen Abend machen und die legendären argentinischen Steaks genießen, die de Größe eines ausgewachsenen Schweinebratens haben sollten und damit mehr Fleischanteil als unsere gesamten Tütensuppen für die nächsten 14 Tage hatten. Nach dem Bergsportladen schauten wir noch in einer Agentur vorbei, die Maultiertransporte anbietet. Wir wollten etwa die Hälfte unseres Gepäcks mit einem Maultier von Punta de Vacas zum Basislager Plaza Argentina bringen lassen. Der Transport hätte jedoch 240 US$ gekostet. Das war mehr als wir erwartet hatten. Möglicherweise wäre da vielleicht vor Ort noch besserer Preis zu erzielen. Ansonsten müssten wir direkt selber zu Mulis reinkarnieren (2x 30kg hätten wir über vorerst 3 Tage zu tragen).

23.Februar
Ganz klar, das wir den Bus von Mendoza Richtung Punta de Vacas heute früh verpassten. Er wäre um wäre 10:15 gefahren und wir kamen leider 5 Minuten zu spät am Busbahnhof an. Das wussten wir aber vorher nicht, da wir einfach annahmen, es würden genauso viel Busse von Mendoza nach Santiago fahren wie umgekehrt. Die Fahrt mit einem Taxi war aber schnell organisiert (der Taxifahrer schaltete bald das Taxameter ab und schlug uns einen Festpreis vor. Wir brauchten nur ca. 2 Std. für die 163km. An einer obligatorischen Polizeikontrolle in Punta de Vacas, die uns jedoch keines Blickes würdigte, hielten wir an und gingen gegenüber in ein kleines Restaurant. Hier organisierte uns der Wirt, der selbst seinen Sohn Walter beim Bergsteigen am Aconcagua verloren und ihm einen kleinen Gedenkstein im Basislager gewidmet hatte, einen Muli-Service per Funk mit „Los Puquios“. Diese „Eseltreiber-Organisation“ (Servicio de Mulas) ist zwischen Puente del Incas und Penitentes, gegenüber des Bergsteigerfriedhofs angesiedelt. Ihr Chef ist Rudy Parra, ein bekannter Bergsteiger in den Anden. Alles lief perfekt: die Abholung durch den Muli-Service „Los Puquios“, die Fahrt nach Penitentes (auf der das Auto jedoch des öfteren mal verreckte), das Umladen des Gepäcks und die anschließende Rückfahrt nach Punta de Vacas zum Parkeingang und Ausgangspunkt unserer Tour ins Vacas-Valley. Der Transport zum Basislager Plaza Argentina auf 4200m (bis 60kg) kostete uns 200 US$ (gegenüber dem Preis im Office in Mendoza also 40$ weniger). Gegen 17:00 starteten wir mit dem Rest unserer Ausrüstung (Zelt, Schlafsack, Essen für ein paar Tage usw.) von Punta de Vacas (auf 2400m) in Richtung Camp „Las Lenas“, das ca. 6Std. entfernt auf 2700m liegt. An einem Schild, das den Eingang des Nationalparks signalisiert, fand ich ein Hufeisen, was ich als Glücksbringer mitnahm. Wir liefen nun entspannt bis zum Dunkelwerden und bauten unser Zelt gegen 21:00 an einem windgeschützten Platz auf (ca. 3km vor Las Lenas, auf 2600m). Nach der ersten Tütensuppe ging es ins Zelt, die erste Nacht am Berg fielen wir in wohligen Schlaf.

24.Februar
Über das Lager Las Lenas sollte es heute nach Casa de Piedra auf 3200m gehen (ca. 8h). In Las Lenas, das wir gegen Mittag erreichten, ist eine Station der Ranger. Hier bekommt man den ersten Stempel in sein Permit und eine Tüte für die während der Besteigung anfallenden Abfälle ausgehändigt. Diese Tüte ist beim Verlassen des Parks wieder abzugeben, ansonsten wird eine Strafe von 200 US$ fällig. Ebenso sind – falls vorhanden – die „Toiletten“ unterwegs zu benutzen (es ist Strafe fällig für den, der den Wegrand vollscheißt). Für die Lager oberhalb vom Basislager (auf 4200m) wird in letzterem eine Tüte ausgehändigt, in die man die Fäkalien „gibt“, die ab dem Basislager anfallen „könnten“. Selbige ist dann im Basislager abzugeben und wird in einem Behälter mit Hubschrauber ausgeflogen oder eben mit den Maultieren abtransportiert.
Der Weg nach Casa de Piedra ist relativ einfach, die Vegetation wird spärlicher bis nur noch klettenbehaftete Büsche zu finden sind. Die Fauna zeigt sich ebenso dürftig, es gibt noch ein paar Vögel, einmal konnten wir aber sogar ein Guanako (Verwandte der Lamas) sehen, welches auf der gegenüberliegenden Flussseite vom Lager Casa de Piedra blökte.
Gegen Abend kamen wir in Casa de Piedra an. Das ist eine kleine Hütte an einem Stein gelehnt. Dahinter gibt es ein paar durch Steinmauern etwas windgeschützte Möglichkeiten Zelte aufzubauen. Weiterhin findet man eine Quelle, einen windschiefen Verhau der als Klo dient und eine „Wasserleitung“ von einer Quelle (die aber am Morgen oft eingefroren ist).
Vor der Hütte ist auch eine Feuerstelle, die Arrieros (Mulitreiber) zur Zubreitung ihres Essens oder zu Wasserkochen verwenden. Da sie nur ein paar Wurzeln der „Klettenbüsche“ als Brennmaterial benutzen qualmt es mehr als es brennt und dieser Qualm ist umso stärker auch im Zelt, je näher man an der Hütte zeltet. Nachdem das Zelt aufgebaut, gekocht und einen letzten Blick auf den schönen klaren Sternenhimmel hatten, krochen wir in unsere Schlafsäcke und schliefen auch gleich ein.

25.Februar
Heute wollten wir zwecks Akklimatisation einen Ruhetag in Lager „Casa de Piedra“ verbringen bevor es morgen zum Basislager weitergehen sollte.
Hier im Lager stand noch ein Zelt, dessen Bewohner zwei polnische Bergsteiger waren, die sich bereits im Abstieg befanden, aber noch auf ihre Freunde warteten, die noch auf verschiedenen Routen am Gipfel unterwegs waren. Einer der beiden Bergsteiger hatte an diesem Berg seinen Höhenrekord gebrochen. Er hatte zwar den Gipfel nicht erreichen können, doch war es für ihn ein Kindheitstraum zu reisen und Berge fernab seines Landes zu besteigen. Jonas, dieser polnische Bergsteiger, kehrte von diesem Berge mit erfrorenen Zehen und Fingern zurück, die er nun an der milden Luft etwas an der Sonne heilen ließ. Er sah es gelassen und sah in ihnen ein Art Erinnerung an den Berg. Bis zum Frühjahr sollte das seiner Meinung nach wieder verheilt sein. Woitek, sein Kumpel war glimpflicher davongekommen, er hatte keine sichtbaren Schäden abbekommen. Ich sah das als durchaus Ernst zunehmend an, hielt mich aber mit meiner Meinung im Hintergrund. Der Tag verging schnell, trotz Nichtstun und ein paar Klamotten waschen, weiter Ausruhen, einfach Akklimatisation abwarten...

26.Februar
Am Morgen verabschiedeten wir uns von den Polen. Janos kam kurz aus dem Zelt und sprach ganz leise. Seine Kumpels waren heute Nacht gegen 4:00 vom Berg zurückgekehrt. Sie waren auf verschiedenen Routen unterwegs (Polengletscher Direktvariante und Normaltour). Einige von ihnen hatten den Gipfel erreichen können. Darunter auch einer dessen Aufstieg (auf der Polengletscher Direktvariante) für etwas Aufsehen in den oberen Lagern gesorgt hatte: gegen 21:00 hatte er noch einige hundert Höhenmeter im Steileis (ca. 70°) zu überwinden und für die Betrachter dieses Aufstieges gab es bald nur noch den Lichtpunkt seiner Stirnlampe zu sehen, während der Befahrer dieser Einbahnstraße gen Gipfel strebte, den er angeblich auch erreichte und über Normalroute (Canaletta + Traverse) wieder abstieg. Ein abenteuerlich anmutendes Stück Leistung, von dem auch Parkranger in weitaus „abgefahreneren“ Variationen anderer Bergsteiger speziell aus Polen uns gegenüber zu berichten wussten.
Für uns fing ja alles erst an und wer weiß was noch alles kommen würde: zunächst erst mal der Aufstieg nach Plaza Argentina (ca. 6h, 1000Hm), der gleich mal mit einer Überquerung des Flusses, gegenüber von Casa de Piedra, beginnt. Der Weg führt durch ein wildes Tal, das durchaus sehenswert ist. Wasserfälle, steile Flussläufe und steile Hänge – immer einen Blick auf den Polengletscher (Glacier de los Polacos) und den Gipfel. Ab 4000m bekamen wir jedoch extremen Gegenwind. Wir schützten unser Gesicht so gut es ging. Vor dem Basislager durchschreitet man plötzlich ein völlig ebenes Hochtal. Vor einem liegt der Aconcagua, zur Linken liegen der Cerro Colorado und El Cocodrilo. Rechts, auf der Moräne des Gletschers, liegt das Basislager Plaza Argentina, das wir gegen späten Nachmittag erreichten. Unsere Rucksäcke lagen vor dem Expeditionszelt von Daniel Lopez. Sie waren bereits vor 2 Tagen (heil und vollständig) angekommen. Daniel kam aus dem Zelt und lud uns auf einen Tee ein. Ich hatte leichte Kopfschmerzen, die sich aber nach einer Aspirin und einem Tee gleich gaben. Im Basislager mussten wir uns bei den Rangern anmelden und vom Arzt kurz checken lassen. Die Ranger kontrollierten unsere Permits und gaben uns eine Tüte für die Fäkalien, die in den oberen Lagern anfallen sollten. Der Arzt (bzw. ein als „Arzt“ tätiger Medizinstudent) checkte den Blutdruck, den Puls sowie die Sauerstoffsättigung des Blutes (%SpO2). Letztere lag bei mir bei 83%. Bei zu niedriger Sauerstoffsättigung des Blutes (75%) oder zu hohem Blutdruck (>150) verbietet der Arzt den Aufstieg zu höheren Lager oder schickt die Leute sogar zurück zu Casa de Piedra. Zu uns sagte er nur kurz: mehr Flüssigkeit trinken (mind. 5l/Tag) und morgen früh nochmals wiederkommen. An einem halbwegs windgeschützten Platz hinter der Hütte der Ranger bauten wir unser Zelt auf, kochten noch was zu essen. Als wir vor dem Schlafengehen noch einmal nach dem Gipfel schauten, sahen wir einen Bergsteiger (vermutlich vom Gipfel) zurückkommen, der von mehreren Leuten begleitet und zum Teil gestützt wurde. Er schien jedoch keine ernsthaften Verletzungen zu haben. Wir krochen ins Zelt und schliefen wieder einmal früh ein.

27.Februar
Heute war für uns Ruhetag in Plaza Argentina angesagt. Außer viel trinken (Wasser, keinen Alkohol), noch mal zum Arzt gehen (heute hatte ich  86% SpO2, die Akklimatisation nahm also ihren Lauf) und möglichst nichts tun war heute nichts geplant. Gegenüber von uns baute einer sein Zelt ab. Wir sprachen ihn auf Englisch an, fanden aber schnell heraus, dass wir auch Deutsch reden konnten – er hieß Nicolaus, war Halbösterreicher und lebte in Schweden. Sein Kumpel Johan war der Bergsteiger, den wir gestern herunterkommen sahen. Er hatte seit 3 Tagen alles was er zu sich genommen hatte wieder ausgewürgt und war ziemlich entkräftet. Der Arzt hatte ihn Spritzen gegeben und wollte ihn ausfliegen lassen. Leider konnte bei dem Wind kein Hubschrauber landen, so dass er auf ein Maultier warten musste. Johan, ein echter Abenteurer, war auf dem 7 Summits Trip. Mit dem Aconcagua hatte er seinen 4 Gipfel erreicht. Wir kamen schnell ins Gespräch, die kurze Zeit mit Johan und seinen Erzählungen wurde zu einem kleinen Highlight unserer Reise. Unter anderem erzählte er uns von einer Tour mit Göran Kropp (der seinerzeit mit dem Fahrrad zum Mt. Everest fuhr und diesen bestieg) zum Shishapangma, von einer Expedition in die Antarktis sowie einer Aktion mit Jetski über den Atlantik. Er wollte der erste Schwede sein, der die 7 Summits besteigt und dann ein Buch darüber schreiben. Andi gab er seine Daunenjacke leihweise für den Aconcagua. Einmal sagte er: ihr schafft den Gipfel, ich fühle es. Wir glaubten fest daran. Leider erfuhren wir am Abend, dass eines der Maultiere sich das Bein gebrochen hatte und deshalb die Maultiere erst morgen kommen würden. Johan musste also noch eine Nacht da bleiben und da er am Abend erneut einen Schwächeanfall erlitt nach wir ihn sogleich zum Arzt brachten, ließ uns der Arzt zusammen mit ihm im Krankenlager in der Hütte schlafen. Dieser Vorteil war für mich aber nicht wirklich einer: ich hatte aber eine so extrem durchgelegene Matratze, dass ich im Zelt bedeutend besser geschlafen hätte.

28.Februar
Am Morgen verabschiedeten wir uns von Johan und begannen mit dem Materialtransport von Plaza Argentina (4200m) nach Lager 1 (5000m). Der Aufstieg war leichtes aber zum Teil steiles und durch das Geröll rutschiges Gelände, das wir jedoch noch immer mit Turnschuhen gut gehen konnten. In 4650m Höhe passierten wir ein kleines Camp, das jedoch nicht oft genutzt wird. Akklimatisationstechnisch wäre es jedoch perfekt und es war auch sehr windgeschützt. Trotzdem ließen wir es „links“ liegen und stiegen weiter zu Camp 1 auf. Hier wehte der Wind sehr viel stärker. Wir warfen nur die Rucksäcke hinter für uns zum Campen geeignete Steinmauerchen und verschwanden wieder in Richtung Basislager. Hier wurden die letzten Zelte kommerzieller Expeditionsveranstalter zerlegt, alles glich bereist einem Abbruch der Saison. Im Moment waren wir hier die einzigen Bergsteiger, die noch auf den Gipfel wollten. Als ich am Abend nochmals aus dem Zelt kroch, sah ich jemanden im Lichtkegel einer Stirnlampe aus Richtung Lager 1 kommen. Ich dachte das ist der Südtiroler, der bereits seit 5 Tagen in Lager 1 oder 2 unterwegs war und der jetzt vielleicht vom Gipfel zurückkommt. Kurze Zeit später hörte ich jedoch jemanden um Hilfe schreien. Ich ging zur Hütte von den Rangern und sagte jemand benötige wohl dringend Hilfe. Gemeinsam mit den Rangern machten wir uns auf die Suche. Der Lichtkegel der Stirnlampe war jedoch nicht mehr zu sehen. Ab und an vermeinte ich aber noch die Schreie zu hören, doch der Wind übertönte alles. Wir teilten uns auf, der Ranger wollte am Fluss suchen – wir gingen auf dem richtigen Weg Richtung  Lager 1 etwa 20min bergauf. Ich konnte keine Spur im Schnee entdecken, selbst an der Stelle nicht, an der ich glaubte das Licht vorher gesehen zu haben. Wir stiegen wieder ab. Bei den Rangern angekommen gaben uns diese Entwarnung. Es handelte sich um die Chinesin, die Lager 1 im Schneesturm verfehlt hatte, ihr Gepäck irgendwo zwischendrin deponierte und dann wieder abstieg. In der Dunkelheit hatte sie dann auch den Abstieg zum Basislager verfehlt und war Richtung Fluss geraten, wo der Ranger sie fand. Da der Arzt sie bereits wegen ihrer seit Tagen zu niedrigen Sauerstoffsättigung im Blut auf dem „Kieker“ hatte und sie eigentlich nicht hätte weiter aufsteigen sollen, war bei denen jetzt das Maß voll (she cause so much trouble...). Sie würde morgen absteigen müssen. Ihr deponiertes Material hätte sie für 150$ von einem Mann holen lassen können, der für Grajales (ein Expeditionsveranstalter) noch ein Zelt abbaute. Zum Scherz sagte ich, für 100$ hole ich es auch. Es war ja nur ein Rucksack. Die Chinesin entschied sich jedoch für einen Abstieg mit dem Maultier für sich selbst und hatte kein Geld um beide „Aktionen“ zu bezahlen.

1.März
Mit dem Rest unserer Ausrüstung machten wir uns bei etwas Wind und leichtem Schneefall von Plaza Argentina (4200m) nach Lager 1 (5000m) auf. Es hatte die ganze Nacht geschneit und unsere Plastikbergschuhe lagen auf Lager 1. Da wir nun wohl oder übel in Turnschuhen rauf mussten präparierten wir dieselben um uns nicht etwa die Füße zu erfrieren: ein Paar Socken, dann eine Plastiktüte und dann noch ein paar Socken. Dann rein in die gefrorenen Turnschuhen, die über Nacht draußen gestanden hatten. Hätte ich das irgendwo von jemanden gehört oder gelesen, ich hätte mir gedacht: was für ein Idiot, der ich jetzt selber war. Erstaunlicherweise ging das sehr gut, sogar spuren war möglich wenn der Schnee mal einen halben Meter tief war, jetzt ist mir klar wie man den Aconcagua in Turnschuhen macht ;-). Steigeisen brauchen wir aber Gott sei Dank nicht. Sie hätten zwar eh in Lager gelegen und wären damit unerreichbar gewesen aber möglicherweise hätten wir sie sogar an die Turnschuhe „getaped“.
Wir erreichten das Lager 1 in einem mittlerweile ausgewachsenen Schneesturm und hatten einige Mühe das Zelt aufzubauen. Bloß alles gut verspannen und Schnee an den Seiten des Zeltes auf den Schneefang legen, damit das Zelt die Nacht durchhält. Die Windgeschwindigkeiten hatten sich ja von Lager zu Lager gesteigert und ich war mehr als erstaunt was das Zelt bereits ausgehalten hatte und es sollte auch diese Nacht standhalten. Zum ersten Mal benutzte ich meine Ohrstöpsel wegen der extremen Windgeräusche im Zelt und um nachts überhaupt etwas schlafen zu können. Den Abend verbrachten wir im Zelt. Viel Zeit ging durch Schnee schmelzen drauf, was natürlich auch jede Menge Brennstoff kostete. Doch um den machten wir uns weniger Sorgen, denn davon hatten wir mehr als genug. Sorgen bereitete uns eher das Wetter, der Schneesturm Videoclip: Mitten in einem Schneesturm hielt unvermindert an und insgesamt waren nur wenige Bergsteiger von dieser Seite aus am Berg, das Basislager bauten sie bereits ab, obwohl die Saison doch angeblich bis zum 15.März gehen sollte. Außer 4 Brasilianern, 2 Amerikanern, einer Chinesin und einem Südtiroler waren nur wir noch hier. Das hört sich zwar viel an, ist aber für den Aconcagua an Witz.

2.März
Am Morgen tobt noch immer der Schneesturm in Lager 1. Gegen Mittag kommt Manfred (der Südtiroler) zu unserem Zelt. Er steht voll gepackt da und ist bereit abzusteigen. Das Wetter ist zu schlecht und die Aussichten sind noch schlechter. Er hatte in letzter Zeit einige Berge in den Anden, darunter auch technisch anspruchsvolle Wände, bestiegen und sein Entschluss stand fest. Unser Entschluss stand noch nicht fest, doch mehr und mehr Zweifel kamen auf, wenn man einen Blick auf die umliegenden Berge warf: Schnee an den Berghängen bis hinunter ins Tal. Wir kannten die Landschaft von vielen Bildern, doch auf diesen sah ich nie Schnee an den Hängen unterhalb 4000m! Wir wägten alles was wir zu wissen, zu sehen oder zu ahnen glaubten gegeneinander ab und beschlossen ebenso abzusteigen. Videoclip: Stimmung auf Nullpunkt Wir waren zu der unumstößlichen Meinung gelangt, dass der Berg „für diese Saison vorbei“ sei. So packten wir unsere Rucksäcke im Zelt, das Schutz bot und stiegen in einem beschwerlichen Marsch von 5000m bis hinunter zu Casa de Piedra auf 3200m ab. Im Basislager (auf 4200) war außer den Rangern und dem Arzt keiner mehr.
Als wir den Fluss gegenüber dem Lager Casa de Piedra überquerten war es bereits dunkel. Wir bauten schnell das Zelt auf, kochten etwas und fielen ermattet in die Schlafsäcke.

3.März
Am Morgen rief jemand draußen und klopfte an unser Zelt. Es war Manfred, der Südtiroler. Er war bis knapp Las Lenas (ca. 2700m) abgestiegen, hatte auf Grund des nun wieder besseren Wetters seine Entscheidung korrigiert und wollte wieder aufsteigen. Und zwar gleich bis Lager 1 oder 2. Wir schauten aus dem Zelt und es war tatsächlich wieder schönes Wetter. Nach kurzem Überlegen entschieden auch wir uns für einen 2. Versuch. Akklimatisierungstechnisch war das zwar gestern nicht schlecht von 5000m auf 3200m abzusteigen aber nun würden wir selber die Maultiere sein, die nun die 30kg schweren Rucksäcke wieder hinaufschleifen müssten. Etwas Ballast warfen wir ab, ich trennte mich von 4 Tütensuppen, 2 Tüten Brot und ein paar Batterien, was ungefähr 2kg ausmachte. Das Zeug deponierte ich in der Hütte der Maultiertreiber. Die Maultiertreiber würden das Zeug entweder verkaufen oder selber benutzen. Nachdem wir das Zelt abgebaut und die Sachen in den Rucksäcken verstaut hatten, stiegen wir wieder auf. Zunächst mussten wir erst mal den Fluss wieder überqueren. Und da noch keine Sonne in dem Tal war wurde es ganz schön kalt an den Füßen, denn der Fluss besteht aus mehreren 50-100m aus aneinanderliegenden mehr oder minder tiefen Rinnsalen, bei deren Überschreiten wir die Schuhe aber nicht wieder anzogen, sondern barfuss auf dem Schotter weiter zur nächsten Überquerung liefen. Am anderen Ufer angelangt waren die Füße fast gefühllos, denn es wehte ein eisiger Wind.
Zunächst ging es wieder durch das bekannte enge Tal und bald konnten wir wieder den  Aconcagua sehen, um dessen Gipfel noch die von Manfred erwähnte „leichte Windfahne“ hing.
Ich erschrak, als mir auf einmal auf dem schmalen Weg Maultiere entgegen kamen und sprang sofort zur (Berg-) Seite. Auf einem der Tiere saß die Chinesin auf ihrem Ritt ins Tal. Bald darauf folgten ihre beiden amerikanischen Kameraden, die ihre Besteigung abgebrochen hatten. Wir hofften von ihnen noch eine Wettervorhersage zu bekommen, doch leider war der Akku ihres Satellitentelefons leer.
Etwa 2 Stunden, nach der 2. Flussüberquerung, machten wir kurz Pause, dann ging es weiter Richtung Basislager, das wir am Nachmittag erreichten. Außer Daniel Lopez, seiner Gefährtin und einem Mitarbeiter von Grajales Expeditions waren nur noch die Ranger und ein Arzt im Basislager. Vor der Hütte der Ranger warfen wir erschöpft unsere Rucksäcke ab. Wir entschieden uns, die Nacht im Basislager zu verbringen und nicht noch weiter bis Lager 1 aufzusteigen. Wir waren zu platt.
Die Ranger und der Arzt hatten gewechselt, es war ein neues Team da. Sie boten uns die Sanitäterhütte zur Übernachtung an und luden uns zum Essen ein. Wir brauchten also unser Zelt gar nicht erst aufstellen, zogen aber unsere Isomatten den durchgelegenen Matratzen der Stockbetten vor. Zusammen mit den Rangern verbrachten wir einen unterhaltsamen Abend in deren Hütte. Der Arzt hatte sich schon zu Bett begeben, da er anscheinend etwas unter der Höhe litt, auf die er heute mit Hilfe des Helikopters gelangt war.

4.März
Andi hat Magenschmerzen, doch nach einer Tablette ging es ihm besser und wir konnten uns an den Aufstieg von Plaza Argentina (4200m) nach Lager 1 (5000m) machen. Einer der Ranger wollte uns begleiten, um den Rucksack der Chinesin zu holen, den sie nahe „Yellow Rock“ (4700m) hatte liegen lassen müssen. Auf Lager 1 waren wir die einzigen Bergsteiger. Wir hatten freie Wahl welches der Steinmauerchen, die als Windschutz dienen, wir für unseren Zeltplatz nutzen wollten. Nachdem wir unser Zelt aufgebaut und unsere Wasservorräte mit Schmelzwasser aus einem Bach der einem Büsereisfeld entrann aufgefüllt hatten, kochten wir unsere Suppen. Dann verkrochen wir uns auch schon in unsere Schlafsäcke, denn morgen würde es ein harter Tag werden.

5.März
Wir bauten unser Lager ab und stiegen von Lager 1 (5000m) über Col Camp (5600m) und Lager 2 (5800m) nach White Rocks (6000m) auf. Beim Aufstieg hatten wir stets einen schönen Blick auf den Polengletscher zur Linken und den Cerro Ameghino zur Rechten.
Von Lager 2 bis White Rocks ging es zum Teil vorbei an kleinen Spalten, aber nur wenig ansteigend hinauf. Unser Plan war es an White Rocks zu lagern um dann am nächsten Morgen von dort aus den Gipfel über die Normalroute (Canaletta) zu versuchen. Je näher wir jedoch White Rocks und damit dem Grat kamen, um so stärker wurde der Wind. Das störte uns anfangs relativ wenig, da es laut Beschreibung an White Rocks etwas windgeschützter sein sollte. Als wir an White Rocks ankamen war der Wind extrem stark. Es gelang uns nicht einen Platz zu finden, an dem wir unser Zelt hätten aufbauen können ohne dass es uns das gute Stück schon beim Aufbauen zerfetzt hätte. So blieb uns nichts anderes übrig, als auf der anderen Seite (wo der Normalweg aus dem Valle de Horcones hinaufkommt) bis nach Nido de Condores (5400m) abzusteigen. Während die Sonne unterging versuchten wir abermals unser Zelt aufzubauen. Auch bei diesem Versuch drückte der Sturm das Zelt hernieder und bald wurde es dunkel, doch unser Zelt stand noch immer nicht. Wir flüchteten in die Hütte der Ranger, die aus einem kleinen windschiefen Wohnwagen bestand, den wohl irgendwann hier mal ein Helikopter hinaufgeflogen hatte. Sie boten uns Tee an und meinten wir könnten die Nacht über in dem Wohnwagen bleiben, wenn wir uns bereit erklären würden morgen zum Basislager abzusteigen. Sie dachten unser Zelt sei kaputt oder wir hätten gar keins mehr und wollten deshalb so wenig Ärger wie möglich mit uns haben. Als wir ihnen jedoch sagten, unser Zelt sei völlig intakt, wir kämen aus dem anderen Tal und seien nur etwas vom Aufstieg erschöpft, boten sie uns sogleich an beim Aufbau des Zeltes zu helfen. Wir waren nun zu fünft und so gelang es uns relativ schnell das Zelt halbwegs bewohnbar hinzustellen und ordentlich zu befestigen. Dies taten wir, indem wir ringsherum Schnee auf den Schneefang des Zeltes schippten. Dann aß jeder von uns noch eine halbe Suppe bevor wir in Tiefschlaf fielen.

6.März
Nach der gestrigen Aktion brauchten wir einen Ruhetag auf Nido de Condores. Der Aufstieg zum Gipfel wurde auf morgen verschoben. Das Wetter wäre heute jedoch nahezu optimal gewesen und wir hofften, dass es auch morgen noch halten würde. Wir verbrachten die meiste Zeit des Tages im Zelt und ruhten uns aus. Langsam gingen jedoch unsere Vorräte aus. Für den nächsten Tag hatten wir noch eine Tütensuppe und jeder 4 Powerbar. Das war jetzt unser 12. Tag am Berg und morgen sollte endlich unser Gipfeltag sein. Videoclip: Was steht morgen an? Wir sehnten uns nach einer Dusche, etwas ordentlichem zu essen, aber vor allem freuten wir uns auf den Gipfel. Wir waren perfekt akklimatisiert, hatten keinerlei Probleme und rechneten uns reelle Chancen aus den Gipfel auch von diesem Lager in einem Go erreichen zu können sofern das Wetter uns keinen weiteren Strich mehr durch die Rechnung machen würde. Um so erdrückender war die Nachricht, dass morgen extremer Wind (>90km/h) herrschen sollte. Und Johan’s Worte „I feel you’ll get the summit“ verloren damit ihren für kurze Zeit wiedergefundenen Glauben. Jetzt sank die Stimmung wirklich bis zum absoluten Nullpunkt ab. Die Aktion schien nun endgültig beendet. Um weitere Tage einfach abzuwarten reichten unsere Vorräte nicht aus. Trotzdem nahmen wir die Nachricht relativ gelassen hin. Es war ja ohnehin nicht zu ändern.

7.März
Diese Nacht war beinahe windstill und während ich kaum Schlaf fand hegte ich einige Zweifel an der Wettervorhersage. Am Morgen erreichte der Wind Videoclip: Zelt im Sturm jedoch Orkanstärke. Noch nie habe ich Wolken in dieser Geschwindigkeit über einen Gipfel fegen sehen. Bei einem Aufstieg würde es einen an ausgesetzten Punkten einfach umhauen und Erfrierungen wären allemal vorprogrammiert. Deshalb blieben wir bei der Entscheidung die Besteigung des Berges für dieses Jahr sein zu lassen und stiegen von Nido de Condores (5400m) Videoclip: Rundblick auf Nido Videoclip: Abstieg von Nido Videoclip: die Wolken ziehen... über das Basislager Plaza de Mulas (4200m) bis Confluencia (3200m) in einem Gewaltmarsch von ca. 9h ab. Das Tal Valle de Horcones erschien mir trostlos und lang. Bei den Bächen, die zu überqueren waren, machte ich mir keinerlei Mühe mehr die Schuhe vorher auszuziehen. Den Rest des Weges wollte ich möglichst schnell hinter mich bringen, denn er hatte tatsächlich etwas von Flucht aus dem Gebiet. Am Ende des Tages, kurz vor Confluencia, verfehlten wir auf Grund der einsetzenden Dunkelheit das Lager knapp verfehlt und übernachteten keine 10min von diesem entfernt. Das war sehr Schade, denn hier hätten wir zu essen und sogar Bier bekommen.

8.März
Der Abstieg von Confluencia (3200m) bis Puente del Inca (2700m) dauerte ca. 3h. Je weiter wir herunterkamen um so wärmer wurde es. Und mit dem Ansteigen der Temperatur nahm der Gestank zu, der von uns ausging. An einer Station der Ranger, am Ausgang des Nationalparks gaben wir unsere in Las Lenas ausgehändigten, gefüllten Müllbeuteln bei den Rangern ab, die diese kommentarlos entgegen nahmen. Wir liefen die Straße weiter bis Puente del Incas. Hier hofften wir per Anhalter nach Santiago de Chile zu kommen. Vor einer Kneipe ließen wir uns am Straßenrand nieder, holten uns 2 Flaschen Bier und machten auf Tramper. Andi hielt die Sache für hoffnungslos. Doch wir konnten das Bier nicht einmal austrinken bis ein Bus anhielt und uns (gegen Bezahlung natürlich) nach Santiago mitnahm. Der Bus war klimatisiert, was unseren Gestank in Grenzen hielt. Dieser kam jedoch zu seiner vollen Entfaltung, als wir zur Rush Hour in Santiago die U-Bahn benutzten. Ich setzte vorsorglich meine Sonnenbrille in der Metro auf um einen imaginären Abstand zu den gut riechenden Menschen zu schaffen. Mir halft das ganz gut, aber die Blicke der Menschen in dem Waggon werde ich trotzdem nicht vergessen.
Der Aconcagua ist uns bei diesem Versuch leider nicht geglückt, doch wir waren froh unsere Erfahrungen an diesem Berg schadlos gesammelt zu haben und schmiedeten bereits Pläne für die nächste Saison...


Letzte Aktualisierung ( Montag, 3. März 2008 )
 
 
   
 
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