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Elbrus - Story Drucken E-Mail
Geschrieben von Tomsky   
Sonntag, 8. Juni 2008

30.05. - 05.06.2008 - ein Tourenbericht von Thomas Arnold

Nachdem der Mount Vinson in der Antarktis letzten Winter finanziell schwer zu Buche geschlagen hatte, wollte ich dieses Jahr kleinere Brötchen backen. Also auf zum Elbrus, denn der ist für einen Riesen zu haben. Vorausgesetzt man braucht keinen Bergführer und organisiert die Tour selbst. Zugegeben, die bürokratischen Hürden für eine Reise in den Kaukasus sind zahlreich: offizielle Einladung, Hotel-Voucher, Grenzpermit, polizeiliche Registrierung vor Ort und vor allem das Russlandvisa sind nur einige davon. Man kann das aber auch als sportlichen Ehrgeiz sehen und dank Internet kommt man leicht an die Informationen, die man braucht um die Elbrustour ohne Agentur auf die Beine zu stellen. Mein Glücksgriff im Web war Victor von Top-Travel. Er organisierte uns o.g. Formalitäten, sie waren Umfang seines „Light-Packages“, dass er zum Preis von 160 € anbot. Genug der Vorrede, hier die ganze Story:

Elbrus - wir kommen
Elbrus - wir kommen!

Fr., 30.05.2008 – Flug nach Mineralnye Vody
Am letzten Wochenende waren wir noch zum Felsklettern und hatten danach die Spaltenbergung für den Aufstieg zum Elbrus geübt. Man kann nie wissen. Jetzt saßen wir in München am Airport und hoben ein letztes Bier bevor wir in die alte TU 154 stiegen. Unsere 75kg Gepäck war bereits ohne Aufschlag im Flieger verstaut, doch fast wollten sie es schon wieder ausladen, da wir wie immer etwas zu spät zum Bording  kamen. Dabei konnten wir doch diesmal gar nichts dafür, unser Powergel wurde bei der Kontrolle wegen den neuen Sicherheitsbestimmungen beanstandet und musste extra eingetütet werden. Der Pilot reagierte etwas säuerlich und fragte, warum wir so spät kämen. Dann machte er sich an seine Arbeit und startete die Triebwerke. Pünktlich 12:30 Uhr hoben wir ab. Eingeklemmt in die engen Sitzreihen und das Dröhnen der russischen Triebwerke in den Ohren ging es endlich dem Kaukasus entgegen. Um 17:15 landeten wir in Mineralnye Vody. Die Passkontrollen gingen relativ zügig voran und bald betraten wir russischen Boden.
Kurz nach halb Sechs kam Victor mit seinem VW-Bus. Er wurde auf der Hinfahrt aufgehalten (von einem der unzähligen Polizisten, die den Verkehr kontrollieren und schnelle Autofahrer abkassieren). Victor lud die Rucksäcke ein, gab uns etwas zu trinken und fuhr los. Er war sehr gesprächig und erzählte uns während der Fahrt viel über die Landschaft durch die wir fuhren.
Die Straßen waren erstaunlich gut und es bot sich an schnell zu fahren. Ebenso bot es sich für die Polizisten an, ein paar Radarpistolen anzuschaffen um damit möglichst viele schnelle Fahrer stoppen zu können. Tatsächlich standen die Jungs alle paar Kilometer und setzten die Geschwindigkeitsmesser fleißig ein. Victor hatte ja gerade seine Lektion bekommen und für heute reichte es ihm offenbar – er fuhr in keine weitere Radarfalle.
Immer wieder passierten Kühe oder ganze Kuhherden die Straße, manchmal blieben sie sogar mitten auf der Straße stehen. Dann musste man fast bis auf Schritttempo abbremsen.
Ringsum Mineralnye Vody gibt es viele Sanatorien und Heilbäder. Die Stadt (Mineralnye Vody bedeutet Mineralwasser) verdankt ihren Namen den vielen Quellen, die es hier in der Gegend gibt.
Nach ca. 1 Std. Fahrt verließen wir den Highway und bogen nach rechts ins Baksan-Tal ab. Zunächst säumten viele Kalksteinwände die Schlucht. Bald wechselte aber das Gestein und zu beiden Seiten sahen wir hohe Granitwände. Victor erzählte uns, dass hier auch geklettert werde. Für Neutouren gab es auch noch unendlich viel Potential.
Bald wurde es dunkel und es fing an zu regnen. Lange hielt das schlechte Wetter aber nicht an und schon bald hatten wir die Regenfront hinter uns gelassen. Die Straße wurde nun schlechter. Einige Schlammlawinen hatten hier ihre Spuren hinterlassen.
Das Baksan-Tal liegt in Kabardino-Balkarien. Die Kabardinier wohnen im Tal während die Balkarier weiter oben in den Bergen leben. Sie sind Moslems und sprechen eine eigene Sprache, die eng mit dem Türkischen verwandt ist. Früher waren sie eine autonome Republik, doch jetzt sind sie Teil der Russischen Förderation. Das Land grenzt an Georgien. Dort gibt es momentan Unruhen und es für Touristen nicht zu empfehlen ist einzureisen. Die Bergkette links von uns bildet die Grenze.
Wir kamen langsam höher hinauf und konnten die ersten schneebedeckten Berge sehen. Gegen 21:00 Uhr erreichten wir Azau, das auf einer Höhe von 2180m liegt. Hier ist die Straße zu Ende. Wir hielten vor einem Hotel und direkt gegenüber war die Seilbahn, die uns morgen die ersten Meter Richtung Elbrus hinaufbringen sollte. Das Hotel war für russische Verhältnisse sehr schön, wenngleich es auch außen noch nicht verputzt war. Wir mussten uns beeilen, denn bald würde die Küche schließen und wir bekämen nichts mehr zu essen. Bevor die Köchin jedoch schlafen ging servierte sie uns noch eine fettige Suppe, die sehr gut schmeckte. Als Hauptgericht gab es gebratenes Hühnchen mit Kartoffelbrei und Pilzen. Nach dem Abendessen begaben wir uns an die Bar nebenan, wo uns Victor noch eine Weile Gesellschaft leistete. Nach zwei drei Bier verschwanden wir ins Bett. Morgen wollten wir mit dem Aufstieg beginnen.

Azau
Azau 2180m, im Hintergrund die Seilbahnstation

Sa., 31.05.2008 – Akklimatisationstour zum Garabaschi-Biwak
Gegen 8:30 Uhr krochen wir aus den Federn. Es versprach ein herrlicher Tag zu werden -drausen schien die Sonne bei blauem Himmel. Nach einem super Frühstück nahmen wir uns ein Taxi um noch ein paar Besorgungen im Ort zu machen. In einem Kletterladen kauften wir drei Gaskartuschen (somit konnte der Benzinkocher im Tal bleiben) und eine Karte vom Elbrus. Dann fuhren wir mit dem Taxi weiter zu einem Magazin (Laden), wo wir noch Schokoriegel und Zigaretten einkauften. Keine 20 min später waren wir wieder zurück am Hotel. Wir packten die Sachen zusammen und gaben Victor die Pässe für die polizeiliche Anmeldung. Am Berg würden wir sie hoffentlich nicht brauchen. Gegen 10:45 schlenderten wir mit Sack und Pack zur Seilbahn hinüber und kauften eine Karte bis zur Mittelstation Stariy Krugozor auf 2970m.
Bis zu dieser Station lag kein Schnee mehr, deshalb benutzten wir die Aufstiegshilfe in Form einer alten roten Gondel, die uns die ersten 790 Hm hinauf brachte. Als wir ausstiegen wehte ein kalter Wind. Es war ziemlich frisch hier oben. Unser Plan war es zunächst ohne Gepäck einen Akklimatisationsaufstieg bis auf 3800m zu machen und wieder hierher mit Ski abzufahren. Das Gepäck konnten wir in einer Art Berghütte lassen. Später wollten wir hierher zurückkommen und etwas essen bevor wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Platz für unser Zelt begeben würden. Wir brachten die Steigfelle an den Ski an und los ging es. Ohne Gepäck war das eine lässige Skitour und bereits nach einer Stunde erreichten wir die Station Mir, die auf einer Höhe von  ca. 3500m liegt. Bei einer kurzen Pause genossen wir den Blick auf die herrliche Bergwelt ringsum uns. Dann stiegen wir weiter bis zum Garabaschi-Biwak auf 3800m auf, das wir nach einer weiteren halben Stunde erreichten. Das war unser heutiges Tagesziel. Hier wehte der Wind aber noch stärker, so dass wir nur schnell die Steigfelle abnahmen und gleich wieder abfuhren. Es ging über herrliche Hänge hinab, der Schnee war super – das Skifahren eine wahre Freude. Nach insgesamt 3 Stunden kamen wir wieder an der Berghütte an, wo unsere Rucksäcke noch immer standen. Unterwegs hatten wir auch einen schönen Platz entdeckt, an dem wir dann unser Zelt aufstellen könnten. Doch zunächst machten wir natürlich einen Einkehrschwung auf der Hütte. Wir aßen gut und genehmigten uns ein letztes Bier. Gegen 16:00 Uhr brachen wir zu unserem Biwakplatz auf, der etwa 170 Hm oberhalb der Seilbahnstation in einer ruhigen Mulde lag und den wir – nun mit vollem Gepäck – nach einer knappen halben Stunde erreichten. Im Moment lag der Platz sogar noch in der Sonne. Wir bauten das Zelt auf und schmolzen Schnee für Trinkwasser, unser Tütenessen und einen Kaffee. Dann verschwanden wir auch schon in unsere Schlafsäcke, denn als die Sonne unterging wurde es kalt. Dieser Akklimatisationstag hatte uns sehr gut getan und bis jetzt lief alles perfekt nach Plan. Morgen wollten wir mit Gepäck wieder bis zum Garabaschi-Biwak aufsteigen und dann auf 3800m unser Lager aufschlagen. Hoffentlich würde dieses schöne Wetter noch einpaar Tage anhalten.

Aufstieg zum Garabaschi-Biwak
Akklimatisationstour zum Garabaschi-Biwak

Garabaschi-Biwak
die Tonnen des Garabaschi-Biwak auf 3800m

unser Lager 1 auf 3000m
unser Lager 1 auf 3170m, oberhalb der Seilbahnstation Stariy Krugozor

So., 01.06.2008 – Aufstieg zum Garabaschi-Biwak
Die Nacht war sternenklar und nicht zu kalt. Es wehte ein mäßiger Wind. Meine Downmat machte mich schwer zu schaffen, denn sie verlor nach wenigen Stunden komplett die Luft. Sie war offenbar irgendwo undicht geworden. Gegen Mitternacht lag ich dann auf einer fast platten Matte und die Bodenkälte kroch in die Glieder. Ich musste notgedrungen aufstehen und die Matte neu aufpumpen. Bei dieser Gelegenheit kochte ich gleich Tee. Thomas war eh schon wach geworden durch mein Gerödel. Dann schlief ich aber wieder ein und wachte erst wieder auf als die Sonne schon das Zelt erwärmte. Im Schlafsack liegend bereiteten wir das Frühstück während draußen russische Pistenarbeiter mit unseren Ski Bilder für ihr Familienalbum knipsten. Dabei stellten sie sich in Pose und weil ihre schweren Schuhe natürlich nicht in unsere Bindungen passten, stellten sie sich kurzerhand auf dieselben. Ich dachte mir, das Zeug hält ja einiges aus und ließ sie gewähren. Nur keinen Stress. Nach der Aktion bedankten sie sich sogar dafür und so nahmen wir es gelassen hin.
Gegen 10:00 Uhr brachen wir auf. Durch die Sonneneinstrahlung wurde es nun relativ warm. Nur ab und an erwischte uns eine kalte Windböe. Anfangs konnte man sogar im Skiunterhemd gehen, später brauchte man schon mal die Softshelljacke. Da die Rucksäcke bleiern auf unseren Schultern lasteten schlugen wir ein gemächliches Tempo an. In der Antarktis hatte ich mir endlich mal ein kontinuierlicheres Gehtempo angewöhnt bei dem man nicht immer nur ein paar Schritte geht, dann außer Atem kam und wieder stehen bleiben musste. Stattdessen machte ich mittlerweile oft einen Atemzug pro Schritt, was den Muskeln genügend Sauerstoff zukommen ließ und so über Stunden ohne Pause durchzuhalten war. Dieses Tempo hatte außerdem den Vorteil, das man überhaupt gar nicht ins Schwitzen geriet und so am Ende der Tagestour auch keine nasse Unterwäsche hatte. Außerdem dient ja ein solch langsames aber kontinuierliches Tempo viel besser der Akklimatisation, gemäß dem Motto: „wer schneller geht als ein Esel ist ein Esel“. Am Morgen hatte ich noch etwas Höhenkopfschmerzen, gegen die ich eine Tylenol 8hrs nahm. Nach wenigen hundert Metern Aufstieg waren diese Kopfschmerzen jedoch weg, so dass ich ihnen keine Bedeutung mehr beimaß und mich wieder völlig fit fühlte.
Nach 300 Hm machten wir eine Pause von 30min. Wir hatten heute alle Zeit der Welt und obwohl der Wind in der Höhe zunahm war es vom Wetter her doch ganz angenehm. Über dem Gipfel des Elbrus zogen jedoch Wolken heran, die auf Wetterverschlechterung und hohe Windgeschwindigkeiten schließen ließen. Auf Höhe 3600m legten wir abermals eine kurze Pause ein. Thomas hatte in einer Kuhle unterhalb eines kleinen Felsens einen fast windstillen Platz entdeckt.
Gegen 13:00 Uhr erreichten wir die Tonnen des Garabaschi-Biwaks auf 3800m. In einer Mulde hinter einer der Hütten bauten wir etwas voreilig unser Zelt auf. Auf meine Rückfrage beim Campmanager sagte uns dieser jedoch, dass wir hier nicht bleiben konnten. Das war ihm zu dicht an den Biwaktonnen und so wies er uns einen Platz weiter oben zu. Wir sollten unser Zelt in der Ruine eines Hauses aufstellen, sagte er, und auf meine Rückfrage, ob wir es denn auch neben der Ruine aufstellen könnten (der Gedanke in einem Haus zu zelten erschien mir etwas seltsam) sagte er, ja das könnt ihr natürlich auch machen. Nachdem unser Zelt nun zum zweiten Male stand schützten wir es noch zusätzlich gegen Wind und Kälte indem wir Schnee auf die Schneelappen des Zeltes warfen und denselben feststampften. Diesmal war es windfester aufgebaut als letzte Nacht.
Bisher hatten wir zuwenig getrunken. Wir schmolzen erst einmal Schnee für genügend Trinkwasser und eine warme Mahlzeit. Wir hatten etwas Bedenken, dass die drei 220g Gaskartuschen nicht reichen würden, aber nachdem wir alles Trinkwasser, Essen und Kaffee bereitet hatten war noch immer ein kleiner Rest in der ersten Kartusche.
Gegen 17:00 Uhr zog der Himmel endgültig zu. Der Elbrus war nun wolkenverhangen. Der Wind ließ jedoch etwas nach, möglicherweise stand uns Schneefall bevor. Für morgen hatten wir einen Akklimatisationsaufstieg zum Pastukhova Felsen (4690m) geplant. Wir wollten das Zelt hier auf 3800m stehen lassen, auf 4690m aufsteigen und wieder abfahren. Beim Gedanken an diese Abfahrt frohlockten wir jetzt schon.

Rast in einer windgeschützten Kuhle
Rast in einer windgeschützten Kuhle

unser Lager 2 auf 3800m
unser Lager 2 auf 3800m, unweit des Garabaschi-Biwaks

Schnee schmelzen im ZeltSchnee schmelzen im Zelt

Mo., 02.06.2008 – Ausharren im Schneesturm
Die Nacht war zunächst sternenklar aber sehr stürmisch. Das Zelt hatte der Sturm mitunter soweit heruntergedrückt, dass es uns die Zeltwände ins Gesicht drückte und wir sie mit den Händen stützen mussten. Ich konnte trotzdem relativ gut schlafen und brauchte meine Downmat nur einmal neu aufzupumpen. Gegen Morgen begann es jedoch stark zu schneien und dieser Schneefall schien kein Ende zu nehmen. Wir dösten in unseren Schlafsäcken vor uns hin und hofften auf Wetterbesserung. Gegen Mittag hatten wir jedoch einen handfesten Schneesturm und an einen weiteren Aufstieg war im Moment nicht zu denken. Der viele Schnee, der fiel, war zudem feucht und schwer. Er drückte auf das Zelt. Im Zelt wurde es nun immer feuchter. Zudem blies der Wind immer neuen Schnee herein wenn man mal den Reißverschluss des Zeltes öffnete. Im Zeltinnern war also schon einiges an Schnee, der Zeltboden war mittlerweile vereist. Ich erinnerte mich an die Worte des Campmanagers vom Garabaschi-Biwak: „baut das Zelt in der Ruine des Hauses auf“. Kurzerhand taten wir dies. Das Zelt war schnell abgebaut und 10m weiter in der Ruine wieder aufgebaut. Tatsächlich lagen wir einige Minuten später wieder in unseren warmen Schlafsäcken. In der Ruine war zwar auch Schnee und der Boden komplett vereist, doch dieser Platz war enorm windgeschützt. Und draußen wurde der Schneesturm immer stärker.
Aus unserem geplanten Akklimatisationsaufstieg zum Pastukhova Felsen wurde wohl nichts. Aber noch hegten wir die Hoffnung, dass sich der Schneesturm gegen Nachmittag oder Abend legen würde und wir wenigstens noch ein kleines Stück aufsteigen konnten und nicht den ganzen Tag im Zelt verbringen mussten. Gegen 17:00 Uhr war es dann soweit. Ganz hatte sich der Sturm zwar nicht gelegt und die Sicht war sehr schlecht, doch für einen kurzen Aufstieg würde es reichen. Das Vorwärtskommen war mühsam, denn an einigen Stellen gab es starke Verwehungen und wir brachen mit den Ski einen halben Meter ein. Wir gingen nicht sehr weit, denn es war uns zu unsicher, ob es nicht binnen Minuten wieder zuziehen und stärker schneien würde und damit die Sicht wieder gegen Null ging.
Am Abend kam kurz die Sonne heraus und der Schneefall hörte auf. Auch der Wind hatte merklich nachgelassen. Christine hatte uns den Wetterbericht für die nächsten Tage per SMS durchgegeben. Danach sollte es besser werden, vor allem aber am Mittwoch – unserem geplanten Gipfeltag – wurde ein klarer Tag bei wenig Wind und viel Sonnenschein vorhergesagt. Das stimmte uns zuversichtlich, wir beschlossen morgen auf jeden Fall bis zur Diesel Hütte auf 4120m aufzusteigen um uns wenigstens in eine geeignetere Ausgangsposition zu bringen. Von hier auf 3800m konnten wir den Gipfel unmöglich versuchen.

das Zelt neben der Ruine
das Zelt neben der Ruine

das Zelt in der Ruine
das Zelt in der Ruine

kurzer Ausflug im Schneesturm
ein kurzer Ausflug im Schneesturm

Di., 03.06.2008 – Aufstieg zur Diesel Hütte
Die Nacht war relativ ruhig in unserem durch die Ruine windgeschützten Zeltplatz. Draußen pfiff der Wind jedoch noch und es schneite. Der Himmel war wolkenverhangen. Gegen halb Vier wachte ich auf, da meine Matte wieder einmal platt war. Nachdem ich dieselbe wieder mit Luft versorgt hatte, konnte ich die zweite Schlafetappe angehen. Gegen halb Neun standen wir auf. Das Wetter mahnte alles andere als zur Eile. Draußen wehte es noch immer, doch ab und zu ließ schon mal der Wind nach. Nach dem Frühstück verließen wir die Schlafsäcke und packten langsam zusammen. Unser heutiges Tagesziel sollte die Diesel Hütte sein. Dort wollten wir entscheiden, ob wir lieber auf der Hütte blieben oder weiter zum Pastukhova Felsen aufsteigen würden.
Kurz nach Zwölf brachen wir auf. Wir gingen gemütlich um nicht ins Schwitzen zu kommen und uns noch etwas besser zu akklimatisieren. Der gestrige Aufstieg fehlte uns natürlich für eine gute Akklimatisation und um den Elbrus in einer Woche machen zu können muss man wirklich gut an die Höhe angepasst sein. Da zählt jeder Tag und jeder Höhenmeter.
Je höher wir kamen desto stärker wurde der Wind. Die Sicht war schlecht, doch die Orientierung war ganz einfach. Alle ein paar Meter steckten noch Markierungstangen, da hier vor Kurzem das Red Fox Elbrus Race stattgefunden hatte. Gegen den Wind setzte ich meine neue Balaclava auf. Diese hauchdünne Gesichtsmaske aus Windstoppermaterial verdeckte Gesicht und Nacken. Sie ließ nur die Augen und die Nasenlöcher frei. Um den Mund waren noch ein paar (wenige) Löcher zum Atmen eingestanzt. Wenn man etwas stärker schnaufte, reichten die Löcher nicht um die Ausatemluft auszustoßen und ein Teil der warmen feuchten Luft trat unter der Gletscherbrille aus, so dass diese mitunter vereiste und die Sicht behinderte. Trotzdem bot die Maske einen hervorragenden Windschutz.
Nach zwei Stunden Gehzeit erreichten wir die Diesel Hütte. Das letzte Stück war noch einmal ziemlich steil aber ansonsten war es kein Problem. Noch immer stürmte es und die Chancen standen schlecht heute weiter als bis zur Hütte aufzusteigen.
Auf der Hütte waren 15 österreichische Bergsteiger mit 4 russischen Guides und einer Köchin. Sie wollten morgen früh ebenfalls zum Gipfel aufsteigen. Einer war bereits ganz aufgeregt und löcherte uns mit Fragen. Zu ihrer Freude konnten wir (dank Christines täglicher Wetter-SMS) mit den neuesten Wetterdaten punkten, die für morgen herrliches Wetter prophezeiten. Als noch an diesem Abend der Himmel aufriss, stürmten alle hinaus und scherzhaft sagten sie, wir hätten das gute Wetter mitgebracht. Das brauchten wir aber selber auch und hoffentlich würde es für alle reichen ;-) Dazu muss man sagen, dass die Österreicher bereits seit ein paar Tagen hier oben waren und auf Wetterbesserung warteten. Der morgige Tag war ihre letzte Chance den Gipfel noch vor ihrer Abreise zu erreichen. Um ihre Chancen zu erhöhen hatten sie für morgen früh zwei Pistenbullys geordert, die sie bis zum Pastukhova Felsen bringen sollten (300 € pro Raupe). Auch für uns war morgen der geplante und von vornherein einzig mögliche Gipfeltag. Der Pistenbully brachte einem 500 Hm hinauf und damit eine Zeitersparnis von ca. 2 Stunden. Natürlich würde es auch die Kräfte schonen die Distanz motorisiert zu überwinden. In Erwägung zogen wir diese Möglichkeit allerdings überhaupt nicht, denn ich persönlich hatte schon ein schlechtes Gewissen die Seilbahn bis zur Schneegrenze genommen zu haben. Selbst die Hüttenübernachtung hier war nicht geplant, da wir die Tour eigentlich komplett mit dem Zelt machen wollten. Aber irgendwann muss man Abstriche machen oder auf den Gipfel verzichten. Wie weit jeder mit solchen Abstrichen geht bleibt ihm aber selbst überlassen.
Der Hüttenwirt kam um die Übernachtungsgebühr von 800 Rubel zu kassieren. Damit war klar, dass wir heute Nacht nicht im Zelt schlafen würden. Kaum hatten wir uns damit abgefunden auf der Hütte zu bleiben, genossen wir auch schon deren Annehmlichkeiten: kein Schnee schmelzen, kein Zelt aufbauen und auch keine platte Isomatte. Ging man vor die Hütte und es wurde einem kalt, machte man einfach die Hüttentür auf und war wieder im Warmen. Zudem hatte uns der Hüttenwirt ein schönes Zimmer gegeben, in dem wir uns ganz allein ausbreiten konnten. Welch ein Luxus!
Gegen Abend legte sich der Wind ganz. Christine schickte ein letztes Wetterupdate. Es blieb dabei: morgen würde der beste Tag der ganzen Woche sein: demnach sollte es nachts noch bewölkt sein und leicht schneien, für den Morgen sagten sie Wind 20km und klar bei – 17°C voraus. Da es keinen Sinn machte bei Schneefall nachts aufzusteigen verschoben wir die Aufstehzeit auf 3:00 Uhr.

die Diesel Hütte auf 4150m
die Diesel Hütte auf 4150m

Diesel Hütte
Diesel Hütte - Aufenthaltsraum und Küche

Diesel Hütte
Diesel Hütte - Matratzenlager

das stille Örtchen
das stille Örtchen auf der Diesel Hütte

Priut 11
die bis auf die Grundmauern abgebrannte Elferhütte (Priut 11)

Mi., 04.06.2008 – Gipfeltag
Die Wecker unserer Armbanduhren gaben um 3:00 Uhr Alarm. Zu unserem Erstaunen rumorte es über uns in den Zimmern und Lagern ebenfalls. Zunächst wunderten wir uns nur darüber, denn eigentlich wollten die Österreicher ja erst 4:00 Uhr aufstehen. Beim Frühstück mit ihnen erfuhren wir jedoch, dass es bereits 4:00 Uhr war. Die Zeitverschiebung zwischen Deutschland und dem Kaukasus betrug nämlich nicht 1 Stunde wie wir angenommen hatten, sondern 2 Stunden. Wir hatten demnach die ganze Zeit in der falschen Zeit gelebt. Dieser Irrtum hatte aber keinerlei Bedeutung, denn ob wir nun um 3:00 Uhr aufstiegen oder eine Stunde später war uns völlig egal. Gegen 4:45 Uhr („neuer Zeit“) begannen wir mit dem Aufstieg. Unsere Stirnlampen konnten wir gleich hier lassen, denn draußen graute bereits der Morgen. Für die Österreicher standen zwei Pistenraupen bereit. Wir machten ein Startfoto und gingen los. Der Morgen war klar, doch es wehte ein eisiger Wind. Nach einer Weile überholten uns die Pistenraupen und nur wenige Minuten später kamen sie leer vom Pastukhova Felsen zurück. Die 500 Hm bis zum Felsen sind nicht sehr steil und eigentlich lohnt es kaum dafür eine Raupe zu nehmen. Zeitmäßig dürfte es aber doch 1 bis 2 Stunden in dieser Höhe bringen. Einer der Bergsteiger kam uns bereits wieder entgegen. Er hatte am Felsen entschieden umzukehren, da er sich nicht gut fühlte. Schade für ihn an einem solch schönen Tag auf den Gipfel verzichten zu müssen.
Wir kamen ganz gut voran mit den Ski. Meist steigen wir geradewegs aufwärts, nur manchmal gingen wir etwas schräg zum Hang. Der Himmel war strahlend blau und gerade ging die Sonne auf. Unter uns lag eine Wolkendecke über die nur die höchsten Gipfel herausragten. Über den Wolken verbreitete die aufgehende Sonne einen rosa Schein. Das würde wirklich ein fantastischer Gipfeltag werden. Als wir am Felsen ankamen machten wir eine kurze Pause. Die meisten machten hier Skidepot und wechselten die Ski gegen die Steigeisen. Auch wir wollten das tun, da wir nicht wussten wie vereist der obere Teil sein würde. Die russischen Guides der Österreicher sagten ja gestern, das Gelände oberhalb des Felsens sein zu vereist für Ski und ließen ihre Klienten heute morgen gleich mit angeschnallten Steigeisen auf den Pistenraupen Platz nehmen. Auf jeden Fall aber brauchte man für den Aufstieg mit Ski Harscheisen und die hatten wir leider nicht dabei. Wir ließen also auch die Ski zurück und stiegen mit Steigeisen weiter auf. Tatsächlich war die nächste Passage blankgefegt und vereist. Ich setzte meine Balaclava auf, denn der Wind war noch immer eisig. Thomas musste ausgerechnet hier in der windausgesetzten Flanke seine Notdurft verrichten. Um dieses Freiluftklo war er wirklich nicht zu beneiden.
Bis auf ca. 5000m ging es ziemlich geradewegs und nur mäßig steil hinauf. Dann querte man vermutlich ewig unterhalb der Flanke des Elbrus-Ostgipfels. Nach ewig sah es zumindest aus, denn die Österreicher sahen wir nun schon eine ganze Weile queren. Endlich gelangten auch wir zu dieser Querung. Sie zog sich wirklich endlos hin. Nach der Querung gelangt man auf den Sattel zwischen Ost- und Westgipfel auf 5416m. Am Sattel angelangt legten wir wieder eine Pause ein. Einige Bergsteiger kamen bereits vom Gipfel zurück. Sie meinten, es sei noch drei Stunden bis zum Gipfel. Mittlerweile war es fast Mittag, kein Grund zur Eile zwar, aber noch weitere drei Stunden für die letzten 230 Hm konnte ich mir nicht vorstellen, obwohl diese Passage noch mal richtig steil ist. Beim Gehen musste man sich hier auch etwas mehr konzentrieren, denn man ging steil hinauf aber quer zu diesem vereisten Hang. Würde man stürzen und den Sturz nicht abbremsen können, so fände man sich auf dem Sattel wieder. Aus diesem Grunde tauschte ich jetzt auch einen der Skistöcke gegen den Eispickel.
Nach einer Stunde kam der eigentliche Gipfel in Sicht. Die Steilheit des Geländes legte sich zurück, bis zum höchsten Punkt waren es nur noch wenige Meter. Wir hatten es geschafft – gegen 13:30 Uhr erreichten wir den Gipfel des Elbrus. Unser Aufstieg hatte 8 Stunden gedauert. Das mag einem für 1500 Höhenmeter relativ lange erscheinen, doch wir hatten keinerlei Ambitionen in irgendeiner Weise schnell zu sein. Im Gegenteil, beim Aufstieg wollten wir die Landschaft genießen, ab und zu eine Pause machen und natürlich auch fotografieren. Dieser Gipfel mahnt wirklich nicht zur Eile und es gibt überhaupt kein Zeitlimit für einen Umkehrpunkt. Wenn man 16 Stunden für den Aufstieg bräuchte wäre das auch kein Problem. Auch im Dunkeln zurückzukehren ist unproblematisch, wenn man eine Stirnlampe mitnimmt.
Am Gipfel angekommen waren wir einigermaßen platt, was zum Großteil an der kurzen Akklimatisationszeit gelegen haben mochte, denn bedingt durch den Schneesturm fehlte uns ein wichtiger Aufstieg zur besseren Akklimatisation. Innerhalb von 5 Tagen auf 5600m zu gehen ist ebenfalls sehr knapp bemessen. Deshalb waren wir glücklich und zufrieden über unseren Gipfelerfolg. Bei bestem Wetter und fantastischer Fernsicht bis hin zum eindrucksvollen Doppelgipfel der Uschba weilten wir eine halbe Stunde auf dem höchsten Punkt Europas. Für mich war es wichtiger Meilenstein, denn es war der dritte Gipfel meiner persönlichen Sammlung der Seven Summits. Auch für Thomas war es sicher eine Grenzerfahrung, was Höhe und Anstrengung angingen.
Wir machten uns an den Abstieg. Schnell waren wir zurück auf dem Sattel. Jetzt die endlose Querung unterhalb des Ostgipfels, dann steil hinab zum Pastukhova Felsen. Bei diesem steilen Abstieg hatte ich etwas Probleme mit meinem rechten Knie, denn es schmerzte stark. Ich musste öfter mal anhalten, nutzte diese Pausen aber zum fotografieren. Thomas war bereits einige Zeit unten am Felsen und wartete in der Nachmittagssonne. Es hatte nun kaum noch Wind und das schöne Wetter setzte jetzt erst richtig ein. Als ich ankam bleiben wir zusammen noch eine gute halbe Stunde sitzen, bevor wir endgültig die Steigeisen wieder gegen die Ski tauschten. Jetzt konnten wir bis zur Hütte abfahren, wo unsere Rucksäcke lagen. Die Abfahrt ging trotz einiger Erschöpfung recht gut und bald hatten wir die Hütte erreicht. Auf der Hütte machten wir abermals Pause und kochten Tee. Nachdem wir unsere Rucksäcke zusammengepackt hatten fuhren wir weiter bis zum Garabaschi-Biwak ab. Mit dem schweren Rucksack abzufahren war nun schon etwas anspruchsvoller. Die ersten hundert Höhenmeter von der Hütte hinab sind relativ steil und man muss kurz schwingen. Später aber ging es gemächlich dahin, was auch mit dem Rucksack kein Problem war.
Als wir das Garabaschi-Biwak erreicht hatten, konnten wir bei den letzten Sonnenstrahlen unser Zelt aufbauen und vor dem Zelt kochen. Ein herrlicher Tag ging zu Ende und wir waren happy.
Victor beglückwünschte uns per Telefon und teilte uns mit, dass morgen ab 10:30 Uhr die Seilbahn repariert werde und nicht zur Verfügung stünde. Damit war es nix mit ausschlafen, denn ab der Mittelstation würden wir sie auf jeden Fall brauchen.

Aufbruch zum Gipfel
Aufbruch zum Gipfel (4:56 Uhr)

Aufbruch zum Gipfel
Aufbruch zum Gipfel (4:56 Uhr)

zum Pastukhova Felsen
zum Pastukhova Felsen, einer der Pistenbullys kommt uns entgegen (5:27 Uhr)

Über den Wolken
Über den Wolken (Blick auf die Uschba [4710m] und den Donguzorun [4468m]) - 6:04 Uhr

Rast am Pastukhova Felsen
Rast am Pastukhova Felsen (4600m, 7:14 Uhr)

Rast am Sattel
Rast am Sattel zwischen Ost- und Westgipfel (5416m, 11:31 Uhr)

noch 200Hm
die letzeten 200 Höhenmeter haben es in sich

Gipfel Thomas Neumann
Geschafft, wir sind auf dem Gipfel (13:31 Uhr)

der kleine Hund ist mein Talismann
der kleine Hund ist mein Talismann und war schon in der Antarktis dabei Cool

Do., 05.06.2008 – Zurück in Azau
Der heutige Tag wäre auch noch ein guter Gipfeltag gewesen – das Wetter war herrlich. Doch für uns ging es jetzt wieder runter in die Zivilisation. Nach dem Frühstück packten wir alles zusammen und schnallten die Ski unter. Das würde jetzt lustig werden mit dem schweren Rucksack abzufahren. Das erste Stück vom Garabaschi-Biwak bis zur Mir Station war gleich mein Testpiece, denn das ist relativ steil. Ich versuchte es zunächst im Schneepflug, dann quer zum Hang. Irgendwie kriegte ich es ohne zu stürzen hin, denn mit dem Monsterrucksack wieder auf die Beine zu kommen war gar nicht so einfach. Je näher ich der Liftstation kam um so besser ging es. Das stimmte mich zuversichtlich noch weiter bis zur Mittelstation abzufahren. Kurz vor derselben haute es mich aber trotzdem einmal hin. Geschafft, wir hatten die Seilbahn erreicht. Die Tour war jetzt zu Ende.
Am Hotel angekommen trafen wir Victor, er lud uns für heute abend zu einer Dinnerparty mit den Österreichern ein. Die sollten wir auf keinen Fall verpassen. Bis dahin hatten wir aber noch eine Menge Zeit. Nach einer ausgiebigen Dusche begaben wir uns in die nächste Dorfkneipe und kippten einige Bier. Wir hatten etwas zu feiern, denn trotz der 2 Tage Schneesturm war uns der Elbrus ja wirklich gnädig gestimmt. So perfekt lief selten eine Bergtour ab. Thomas und ich verstanden uns super, Christine versorgte uns täglich mit den Wetterdaten und Victor hatte dafür gesorgt, dass wir möglichst wenig mit den Formalitäten und den Mühlen der russischen Bürokratie zu tun hatten. Bei allen möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich mit einem bedanken! Christine, du hast das beste Wetter „gemacht“, Thomas, es war eine Spitzenbergtour mit dir und vor allem: Спасибо Victor! Der Kaukasus und damit Russland sieht uns ganz sicher wieder.

abchillen in Azau
abchillen in Azau frei nach Wilhelm Busch: "Das Wasser gibt dem Hornvieh Kraft, den Menschen stärkt der Gerstensaft."

Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 15. Juni 2008 )
 
 
   
 
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