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Mount Vinson - Story Drucken E-Mail
Geschrieben von Tomsky   

Fr., 30.11.07 – das Drama mit den Flugtickets

Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen, die letzten Trainingseinheiten absolviert und die Rucksäcke gepackt. Doch ich hatte noch keine Flugtickets. Und das, obwohl ich diese schon vor einem halben Jahr bezahlt hatte. Die Frau meines Flughändlers war plötzlich gestorben und seitdem war er „wie gelähmt“ wie er sagte. Meine Tickets stellten sein geringstes Problem dar. Ich schwankte zwischen Verständnis und Panik. Würde ich den Flug nach Chile nicht bekommen wäre das fatal, denn die Kosten für die Expedition waren enorm. Im Falle einer verspäteten Anreise würde ich keinen Cent wiedersehen. Ich musste unbedingt bis spätestens Sonntag abend in Punta Arenas eintreffen um auf die Gruppe zu treffen.
9:45 saßen Christine und ich im Büro des Flughändlers und dieser hatte noch immer keine Tickets für mich. Draußen stand das Auto mit meinem kompletten Equipment und wir saßen hier wie auf Kohlen. Eine halbe Stunde später traf das erste Ticket ein. Nürnberg – Paris – São Paulo – Santiago (das hatte ich so nicht bestellt aber egal). Jetzt fehlte nur noch das Ticket für den Weiterflug nach Punta Arenas – es kam 11:40. Jetzt aber schnell zum Flughafen, um 13:15 sollte der Flieger gehen!
 letzte Trainingseinheiten

 Flug über die Anden

Sa., 01.12.07 – nach 9 Monaten wieder in Santiago

Kurz vor dem Landeanflug auf Santiago de Chile überflogen wir die Anden. Unmittelbar unter uns kam der Aconcagua in Sicht. Vor einem Dreivierteljahr stand ich auf diesem Gipfel - da wurden schon mal Erinnerungen wach.
In Santiago hatte ich ein paar Stunden Aufenthalt, am Abend ging es weiter nach Punta Arenas (Südchile), wo ich kurz nach Mittenacht ankam. Bis nach Patagonien hatte ich es also trotz aller Aufregung endlich geschafft. Im Hotel angekommen fand ich Walter, Christian und Hans noch wach im Aufenthaltsraum. Wir tranken noch ein Bier zusammen, bevor wir müde ins Bett fielen.

So., 02.12.07 – in Punta Arenas, Briefing bei ALE

Im Hotel „Condor de Plata“ waren im Moment fast ausschließlich Teilnehmer von verschiedenen Antarktis-Expeditionen untergebracht. Und überall an den Wänden hingen Bilder von vergangenen Expeditionen. Zudem hält das Hotel den deutschen Flugpionier und Explorer Gunther Plüschow Videoclip auf YouTube in allen Ehren. Dieser hat zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Patagonien und Feuerland Bemerkenswertes geleistet.
Beim Frühstück kam erstmals unsere gesamte Gruppe zusammen: Hans Feyersinger, Helmut Kritzinger, Ekkehard Kuppel, Walter Laserer, Stephan Mahlknecht, Stefan Rier, Andreas Sanoner, Christian Stangl, Michael Zindel und ich. Walter Laserer (Laserer-alpin) war unser Führer und Chri (Christian Stangl) würde ihm assistieren, nachdem er sein Seven-Summits-Speed-Project vollendet hätte. Ich persönlich kannte noch keinen der Teilnehmer näher, musste mir also erst mal alle Namen einprägen und etwas Tuchfühlung kriegen. Wie schnell das ging und wie gut wir alle miteinander harmonierten ahnte ich zwar im Moment noch nicht, aber schon jetzt war mir klar, dass das eine starke Streitmacht war, die da gegen den Mount Vinson in der Antarktis ins Feld ziehen würde. Allein die Tatsache, dass unter uns vier staatl. gepr. Bergführer waren, einer bereits 7 der Seven Summits bestiegen hatte (Walter), ein anderer mit dem Mt.Vinson den siebenten besteigen würde (Chri) und weitere drei Mitglieder der Gruppe ihrem fünften Gipfel dieser begehrten Sammlung der jeweils höchsten Berge aller Kontinente entgegen strebten, verdeutlichte mir eindrucksvoll, dass ich hier keineswegs mit Anfängern unterwegs war. Im Gegenteil, ich würde mir selbst in den Hintern treten müssen, wenn ich den Gipfel des Mt. Vinson erreichen wollte.
Gegen Mittag fand ein sogenanntes Briefing von ALE statt. Alle Mitglieder der Expeditionen in die Antarktis, sei es zum Mt. Vinson oder zum Südpol, die mit der nächsten Iljuschin fliegen würden, versammelten sich im kroatischen Klub von Punta Arenas. Zunächst wurden ein paar Dias gezeigt und dann der Ablauf des Fluges erläutert. Im Anschluss daran zeigte David Hamilton, ein erfahrener Mann, der schon einige Expeditionen zum Südpol und zum Mt. Vinson geführt hatte, ein paar Bilder von Erfrierungen. Dabei ging er näher auf einzelne Fälle ein und gab uns wertvolle Tipps wie man Erfrierungen vermeiden konnte.
Am Nachmittag erfolgte das Wiegen unseres Gepäcks und das ging so vor sich: ein LKW fuhr von Hotel zu Hotel in denen Expeditionen untergebracht waren. Ein Team von ALE wog und kennzeichnete jedes Gepäckstück bevor es auf den LKW verladen und zum Schluss alles zur Iljuschin gebracht wurde, die bereits am Flughafen von Punta Arenas stand. Das Gepäck unserer Gruppe wog zusammen 460 kg. Insgesamt hätten wir 550 kg haben dürfen.

 Hotel Condor de Plata unsere GruppeWalter, Stefan, Stephan, Ekkehard und MichaelALE BriefingWiegen des Gepäcks

PinguinkollonieMagellan-PinguineMagellan-Pinguineel Condor pasaein letztes Essen

Mo., 03.12.07 – in Punta Arenas und Seno Otway

Am Morgen sollte es die erste Info geben ob wir heute in die Antarktis fliegen könnten. Gegen 10:00 hieß es seitens ALE auf der Landepiste in Patriot Hills sei schlechte Sicht und es herrsche starker Seitenwind. Bei Seitenwind > 25 Knoten (ca. 46 km/h) kann die Iljuschin nicht landen. Der 3000 km lange Flug erfolgt als sogenannter Sichtflug und in der Antarktis gibt es auch keinen Tower, deshalb ist schlechte Sicht auch nicht optimal.
Damit hatten wir den Tag zur freien Verfügung – ein Update bezüglich Fliegen oder nicht würde es erst am Abend geben.
Punta Arenas liegt an der Magellanstrasse und etwa 70 km von hier (Otway Bay) gibt es eine kleine Pinguinkolonie. Man fährt etwa 1,5 Std. bis dahin und im Moment war Brutzeit. Fantastisch! Nachdem man die Stadt verlassen hat, biegt die Route auf eine Schotterpiste ab, der man ca. 40 km folgt. Die Kolonie liegt in einem Reservat, es sind Wege angelegt, die zum Meer führen, wo sich die Pinguine aufhalten. Es sind Magellanpinguine, eine relativ kleine Art (verglichen mit den großen Königs- oder Kaiserpinguinen). Ich schätzte sie sind etwa 45-50 cm groß. Nach etwa 800 m auf angelegten Wegen kommt man ans Meer. Es wehte ein starker Wind, das Meer hatte Schaumkronen und es war recht frisch. Ich war jedenfalls froh, dass ich die Daunenjacke anhatte.
Um die Pinguine so wenig wie möglich zu stören ist am Strand eine Art Bretterverschlag aufgebaut. Dahinter kann man sich positionieren und durch die Bretter wunderbar Fotos schießen und die drolligen Vögel beobachten. Es waren etwa hundert Tiere. Zwischen Meer und Land liefen sie hin und her, einige lagen im Sand und andere standen einfach nur herum. Besonders schön fand ich es, wenn sich zwei gegenüberstanden und ein lautes Geschrei von sich gaben, wobei sie ihre Hälse zueinander reckten. Vom Wetter her war es zwar nicht gerade gemütlich hier (es ging ein starker Wind, ab und an regnete es auch), doch bei diesem Anblick vergaß man einfach alles. Ich fiel in einen regelrechten Fotorausch.
Nach ca. einer Stunde machten wir uns auf den Rückweg. Während wir wieder mit dem Bus aus dem Reservat herausfuhren, sagte unser Fahrer, dass über uns ein Kondor wäre. Und tatsächlich, bald sahen wir einen großen Schatten neben unserem Auto. Wir hielten noch mal an und versuchten ein paar Bilder zu machen und zu filmen. Es war das erste Mal, dass ich einen Kondor in der freien Wildbahn aus solcher Nähe gesehen hatte. Sehr eindrucksvoll.
Zu guter Letzt sahen wir noch einen Nandu (ein Laufvogel, einem Strauss nicht unähnlich, nur etwas kleiner). Das hatte sich gelohnt. Jetzt könnten wir von mir aus in die Antarktis fliegen.
Wir gingen noch mal essen, vielleicht ist es das letzte Steak und Bier für dieses Jahr. Alle Expeditionen waren pünktlich um 18:00 im Hotel als die Nachricht kam, dass noch immer zu schlechte Sicht für eine Landung sei. Mir schien aber, dass bis jetzt noch keiner wirklich traurig über diese Botschaft war. Morgen früh würden wir weiter sehen, vielleicht klappte es ja.

Di., 04.12.07 – wir fliegen!

Die erste Info kam beim Frühstück. David Hamilton gab das bevorstehende Großereignis bekannt: der Wind in Patriot Hills hatte nachgelassen, die Sicht sei besser geworden. Aller Wahrscheinlichkeit nach würden wir heute fliegen. Das hieß im Klartext wir waren erst mal „StandBy“. Nachdem wir unsere restlichen Sachen zusammen gepackt hatten, würde uns ein Bus abholen und zum Airport bringen. Komplett für die ersten Schritte auf dem Eis bekleidet würden wir am Flughafen die normalen Sicherheitskontrollen durchlaufen, die jedoch etwas lockerer seien. Wer würde schon etwas in die Antarktis schmuggeln oder eine Transportmaschine entführen wollen, die mit einem russischen Team von Besatzungsmitgliedern per Sichtflug ins Eis unterwegs ist?
Während des StandBy am Airport blieb etwas Zeit die anderen Expeditionen und einige ihrer Führer oder Teilnehmer kennen zu lernen. Ohne an dieser Stelle detailliert darauf einzugehen, sei soviel gesagt: hier am Gate saßen einige der „who is who of Antarctica“. Dave Hahn, Phil Ershler, Eric Philips und weitere namhafte Guides warteten hier auf den Flug hinüber zum eisigen Kontinent. Und natürlich waren wir stolz auf unseren Expeditionsleiter, den jedermann hier kannte und schätzte, denn Walter war auch kein unbeschriebenes Blatt – mit uns führte er die 3. Expedition zum Mount Vinson!
Nach 5 Std. StandBy folgte das letzte unzähliger Briefings: der Wetterbericht wurde verlesen und die Nachricht „wir fliegen“ wurde verkündet. Es ging zurück in die Busse, die uns zur Iljuschin brachten. Dem Einsteigen ging eine Fotosession voraus. Es lag eine Spannung in der Luft, die fast greifbar war. Dann ging es die Leiter hinauf und rein in die Kiste. Die IL 76 TD ist ein Cargo-Plane – eine Transportmaschine. Wir nahmen im Frachtraum auf Klappsitzen Platz, Fenster gab es so gut wie keine. In der Mitte, zwischen den Klappsitzreihen, die an den beiden Bordwänden sind, war das Gepäck gestapelt und verzurrt. An der Decke befanden sich Träger mit Hebezeugen. Die Maschine war nur notdürftig verkleidet und überall hingen Kabelbäume raus. Plötzlich entstand ein ohrenbetäubender Lärm: die Turbinen wurden auf Drehzahl gebracht. Während ein Mitglied der Crew die Sicherheitshinweise gab und sich auf einigen Gesichtern der Fluggäste ein Grinsen breit machte wurde eine Tüte Ohrstöpsel herum gereicht. So fliegt man Cargo! Das Dröhnen in der Maschine wurde trotz Ohrstöpsel noch lauter, wir konnten die Beschleunigung während des Starts wahrnehmen und schon erhob sich die 30 Jahre alte Maschine in einem Steigungswinkel, dessen genaue Gradzahl sich nur erahnen ließ, in die Luft. Wir flogen! Bald wurden Kekse und Getränke durchgereicht. Eine Stewardess, die mit einem Servierwagen durch die Gänge ging gab es hier nicht. Diese Variante der Bordverpflegung war aber ungleich effektiver und schneller. Wer genug zu trinken hatte oder keine Kekse mehr wollte gab das Zeug einfach weiter bis letztendlich abgewinkt wurde und kein Nachschub mehr kam.
Während des Fluges konnten wir einzeln oder zu zweit die Kanzeln des Navigators und der Piloten besuchen. Sie ertrugen uns und unsere ständiges Fotografieren geduldig. Auf mich wirkte es überaus beruhigend wie gelassen und konzentriert diese Spezialisten für Flüge dieser Art ihrer Arbeit nachgingen. Seit einigen Jahren flogen sie schon für ALE Expeditionen und Treibstoff in die Antarktis.
Nach 5 Std. Flug setzte die Maschine zum Landeanflug an. Nicht dass wir das hätten sehen können, aber wir spürten es am veränderten Kabinendruck und Geräuschpegel. Butterweich setzte die Iljuschin auf der Blaueispiste von Patriot Hills auf. Als die Maschine zum Stillstand kam wurden Ladeluke und Tür geöffnet. Wir kletterten die Leiter hinunter auf die Landebahn und standen auf antarktischem Boden. Besser gesagt wir standen auf blankem Eis und mussten aufpassen, dass wir nicht ausrutschten! Für mich war ein Traum in Erfüllung gegangen und ich fühlte mich wie ein Pilger, der gerade das gelobte Land betrat. Ein neues Abenteuer hatte soeben begonnen.
Von dem Blankeisfeld der Landepiste von Patriot Hills war es ca.1 km bis zum Camp. Es war fast Mitternacht, die Sonne schien taghell und es wehte ein leichter Wind bei angenehmen Temperaturen von –15 °C. Ohne Gepäck ein Easy Go bis zum Camp. Die neu eingetroffenen Expeditionen kamen im VIP-Zelt für ein Briefing zusammen. Es folgten wieder ein paar Einweisungen, dann gab es Abendessen und Tee. Danach mussten wir nur noch unsere Zelte aufbauen um nach diesem ereignisreichen Tag endlich zur Ruhe zu kommen.

Sicherheitskontrolle am AirportStand ByBording Iljuschinso fliegt man Cargoein Blick aus der KanzelLandung in der AntarktisZeltaufbau in Patriot Hills

Transport zur Twin-OtterFlug über die Ellsworth MountainsAusladen der Twin-OtterZeltaufbau im BasislagerStefan, Walter und Andreas im Esszelt

Mi., 05.12.07 – wir fliegen weiter ins Basislager

Nach unserer ersten Nacht in der Antarktis begrüßte uns diese mit fantastischem Wetter. Alle Zeichen standen auf Weiterflug ins Basislager. Nachdem wir die Zelte abgebaut hatten, machte sich die erste Gruppe bereit für den Flug mit der Twin-Otter. Unsere Rucksäcke wurden per Skidoo zur Maschine gebracht und selbst wir genossen noch all den Luxus welchen Transportmittel bieten könnten: auf einem Schlitten zog man uns zur Twin-Otter. Die Motoren liefen bereits als uns die Co-Pilotin von Kenn Borek Air eine kurze Sicherheitseinweisung gab. Schon starten wir zu dem ca.200 km langen Flug über die Ellsworth Mountains zum Basislager des Mount Vinson. Wir überflogen zahlreiche Gletscher wie den Minnesota und den Nimitz-Gletscher, konnten einen Blick auf das gewaltige Bowie Crevasse Field werfen, bevor nach einer Flugstunde das Vinson-Massiv ins Sichtfeld kam. Bald setzten wir zur Landung auf dem Branscomb-Gletscher an, wo sich das Basislager befand. Die Landepiste war mit schwarzen eisgefüllten Plastiksäcken markiert. So konnte der Pilot sie nicht verfehlen. Sanft setzten die Ski des Flugzeugs auf. Nachdem das Gepäck ausgeladen war, konnten wir mit dem Aufbau der Zelte beginnen. Hans und ich würden Zeltpartner während dieser Expedition sein. Der Bergführer aus Tirol, dessen Partner aus gesundheitlichen Gründen nicht mit konnte (Friedrich hatte eine Mittelohrentzündung und war im Moment in Buenos Aires), war schlichtweg ein Kraftpaket und eines der stärksten Mitglieder, die unsere Gruppe zu bieten hatte. Ständig an vorderster Front dabei, dann wieder zurückeilend um zu filmen oder einfach nur um wo es geht unaufdringlich zu helfen, wenn mal Not am Mann war. Bei einem gemeinsamen Essen nach der Expedition hatte er unseren leider nicht hoch genug dotierten Titel des „Best Team Award“ inne und ich schätzte mich glücklich einen solchen Zeltpartner zu haben.
Nachdem unsere Behausungen standen trudelte die zweite Gruppe mit der Twin-Otter ein. Wir errichteten gemeinsam den Basecamp-Dome – unser Esszelt. Hier wollten wir immer zusammenkommen um gemeinsam zu kochen. Wenigstens sollte das im Basislager und erstem Hochlager so sein. Dieses Zelt von Mountain Hardware bot genug Platz für uns alle. Während der Expedition sollte es ein Gefühl der Zusammengehörigkeit schaffen. Wir saßen im schützenden Zeltinnern, kochten und philosophierten während draußen der eisige Wind pfiff.
Das Basislager lag auf dem Branscomb-Gletscher auf einer Höhe von 2100 m. Zu seiner Linken gab es riesige Spalten und rechts des Gletschers erhob sich das gigantische Vinson-Massiv. Die Normalroute führte jedoch zunächst um das Massiv herum und es lagen noch zwei Hochlager vor einem, bevor man die Gipfeletappe in Angriff nehmen konnte. Es war Zeit schlafen zu gehen, morgen würden wir zu Lager 1 starten.

Do., 06.12.07 – vom Basislager zu Lager 1

Heute brachen wir mit Sack und Pack zu Lager 1 auf. Ein Teil des Gepäcks verluden wir auf Schlitten, die wir hinter uns her zogen, während ein zweiter Teil auf dem Rücken im Rucksack transportiert wurde. Das hört sich vielleicht strapaziös an, ist es aber nicht. Durch diese Verteilung der ca. 30-40 kg pro Person ließ sich die Fracht relativ mühelos durch das sanft ansteigende Gelände bewegen. Wir gingen angeseilt in zwei Gruppen, da es ein paar Zonen mit Gletscherspalten gibt. Die Schlitten waren ebenso in das Seil eingehängt, damit sie uns bei einem Spaltensturz nicht noch hinterher fielen. Nach ca. 2 ½ Stunden erreichten wir das „Half Camp“, das zwar kein Camp mehr ist, aber etwa die Hälfte des Weges bis zum ersten Hochlager markiert. Hier machten wir die erste (und einzige) kurze Pause. Zeit einen Schluck zu trinken und etwas zu essen (oder eine Zigarette zu rauchen). Bisher waren die Spalten eher moderat und stellten keine ernsthafte Gefahr dar. Das blieb zum Glück auch weiterhin so bis zum ersten Hochlager.
Angekommen auf Lager 1 errichteten wir wiederum unsere Zelte und den Esszelt-Dome. Walter hatte alles Material für diese Expedition neu angeschafft und es war eine Freude dieses Equipment aufzubauen. Schon bald saßen wir wieder zusammen im Dome um zu kochen.

Aufbruch zu Lager 1mit Rucksack und Schlitten

Hans am Ende der SteilflankeRast beim AufstiegHeadwall und Mt. ShinnMount ShinnBlick zum Knutzen PeakHans interviewt Chi nach GipfelsiegBlick auf Basislager aus SteilflankeWalter beim Abstieg zu Lager 1

Fr., 07.12.07 – legen Depot auf Lager 2 an

Die Sonne schien und es war nahezu windstill bei –15 °C. Wir wollten heute zu Lager 2 auf 3800 m aufsteigen und ein Materialdepot anlegen. Bisher führte der Weg zu Lager 2 unterhalb des Vinson Massivs entlang und über die sogenannte Headwall hinauf. Dieser Weg ist wegen einiger Spaltenzonen und Seracs nicht ganz ungefährlich. In der letzten Saison kam es dort zu Spaltenstürzen und einer Aufsehen erregenden Rettungsaktion, die glücklicherweise gut ausging. Für die Saison 2007/2008 hatte man deshalb seitens ALE eine Variante zur früheren Normalroute gesucht und auch gefunden. Statt über die Headwall aufzusteigen ging es nun über eine Steilflanke ca. 500 m rechts der Headwall hinauf (siehe Karte ). In dieser Steilflanke wurden auf über 700 Hm nagelneue1200 m Fixseil verlegt. Damit war die Route zwar steiler und möglicherweise etwas anspruchsvoller geworden, hinsichtlich ihrer Gefährlichkeit aber deutlich entschärft. Unsere Expedition durfte eine der ersten sein, die diese neue Route benutzen würde. Durch deren neuen Verlauf musste aber auch ein neuer Platz für das zweite Hochlager gefunden werden. Wo das sein sollte war nur leider noch nicht genau bekannt.
Christian Stangl war bereits am frühen Morgen im Basislager mit Ski gestartet um sein Seven-Summits-Speed-Project mit der Besteigung des Mount Vinson zu vollenden. Wir lagen noch in den Schlafsäcken als er unsere Zelte auf Lager 1 passierte. Er sollte einen perfekten Gipfeltag vor sich haben. In Gedanken waren wir bei ihm und wünschten ihm gutes Gelingen. Wenngleich er als Skyrunner in einer anderen Liga spielte, so war er doch „einer von uns“ und Teil unserer Gruppe und Expedition.
Nach dem Frühstück packten wir Teile unserer Ausrüstung zusammen, die wir auf Lager 2 deponieren wollten. In der Hauptsache waren das Benzin, Essen und Kleidung. Bis zum Fuße der Steilflanke konnten wir mit Ski gehen, dann wechselten die meisten von uns auf Steigeisen. Ekki und Michael nahmen jedoch ihre Ski mit hinauf.
Mich plagte seit unserer Ankunft in Patriot Hills eine Erkältung. Ich fühlte mich schwach und war alles andere als fit. In der Steilflanke fand ich zu keinem gleichmäßigem Rhythmus für den Aufstieg. Hinzu kam das ungewohnte Gehen mit halboffenen Tourenskischuhen an denen die Steigeisen befestigt waren. Ich fiel zurück während die Gruppe gut voran kam. Helmut – ein Bergführer aus Südtirol – schloss die Gruppe, während Walter vorausging. Somit hatte Helmut also hinter mir zu gehen und musste sich meinem Schneckentempo anpassen. Keine leichte Aufgabe. Doch stets geduldig mahnte er mich immer wieder an lieber langsamer, dafür aber kontinuierlicher aufzusteigen. Einmal sagte er: „du musst einfach bergwärts wackeln“. Ich versuchte das zu verinnerlichen. Nach 2/3 der Steilflanke machten wir eine kurze Pause. Nur eine Kleinigkeit essen, etwas trinken und ein paar Fotos schießen. Ein wenig Zeit um die schöne Aussicht auf den Branscomb-Gletscher, den Mt. Shinn und die Headwall zu genießen. Nach ca. 5 Std. war auch für mich das Ende der Fixseile erreicht und das steilste Stück bewältigt. Jetzt flachte das Gelände etwas ab, doch ich war völlig fertig. Walter und Hans redeten mir gut zu während ich mich wankend weiter kämpfte.
Chri kam uns entgegen. Nach nur 9:10 h hatte er den Gipfel vom Basislager aus erreicht. Eine großartige Leistung! Wir beglückwünschten ihn und freuten uns mit ihm. Er erzählte uns, dass die letzten paar hundert Höhenmeter auch für ihn sehr anstrengend waren, dass er aber 1 ½ Stunden auf dem Gipfel bei herrlicher Fernsicht und nahezu Windstille genießen konnte. Nach kurzer Rast – ich war für jede dankbar – ging es für uns weiter Richtung Depot, während Chri zum Basecamp abfuhr.
Wenige hundert Meter vor Erreichen des Depots brach ich in eine Gletscherspalte ein. Reflexartig verspreizte ich mich in ihr um nicht weiter hinabzurutschen. Zum Glück gelang mir das, da die Spalte nicht sehr breit war. Ihre Tiefe konnte ich nur erahnen. Helmut, noch immer in meiner Nähe, war sofort zur Stelle und versuchte mich herauszuziehen. Das Gewicht meines Rucksacks erschwerte es mir jedoch aus dieser misslichen Lage herauszukommen. Doch gemeinsam schafften wir es. Der Zwischenfall hatte mich in meinem erschöpften Zustand überraschend wenig schockiert und bald konnten wir unseren Weg fortsetzen. Wir wollten den Vorfall erst mal für uns behalten. Es gab keinen Grund das an die große Glocke zu hängen.
Nach 6 Std. erreichten wir einen geeigneten Platz für unser Depot. Einen festen Platz für das neue Lager 2 gab es ja noch nicht und im Moment war es auch egal wo wir unser Material deponierten. Wir waren auf einer Höhe von ca. 3800 m und damit lag der Platz sogar etwas höher als das alte Lager 2. Nachdem das Material sicher deponiert war stiegen wir wieder ab zum Lager 1. Als wir die Fixseilstrecke hinter uns gelassen hatten wechselten wir wieder von Steigeisen auf Ski. Bei der Abfahrt zu Lager 1 brach sich ausgerechnet Helmut bei einem Sturz eine Rippe. Aus eigener Erfahrung wusste ich, dass ein Rippenbruch nicht weiter tragisch war. Die meisten Schmerzen bereitete ein solcher wenn man lachen musste – und Helmut lachte sehr gerne.

Sa., 08.12.07 – Ruhetag auf Lager 1

Heute stand ein Ruhetag auf dem Programm. Ich hätte erwartet, dass ich den bitter nötig haben würde, doch das Gegenteil war der Fall: meine Erkältung war fast weg und ich hatte auch keinen Muskelkater nach der gestrigen Aktion.
Die Temperaturen waren heute ungewöhnlich mild für die Antarktis. Zur Mittagszeit zeigte das Thermometer –5 °C. Ein jeder konnte heute tun was er wollte. Einige bauten sich eine Eiskuhle und legten ihre Isomatten darin aus. Bei einem Buch genossen sie diesen schönen Tag und ruhten sich aus. Gegen Abend schneite es jedoch etwas und die Berge hüllten sich in Wolken. Ich unternahm mit Ski einen kleinen Ausflug bis zum Fuße der Steilflanke und machte ein paar Fotos.
Wenn alles nach Plan lief wollten wir morgen endgültig zu Lager 2 hinauf wechseln und übermorgen könnte schon der Gipfeltag sein. Im Moment trübte sich der Himmel jedoch weiter ein und alles sollte ganz anders kommen.

Ruhetag auf Lager 1Ruhetag auf Lager 1

Bau einer Schneemauerin der Steilflankedas Thermometer zeigt -34 °CHans im Schlafsack

So., 09.12.07 – Aufstieg zu Lager 2

-15 °C, es schneite noch immer ganz leicht. Das Wetter war eigenartig. Sollten wir heute wirklich aufsteigen? Um unseren Basecamp-Dome gegen eventuell aufkommenden Wind zu schützen bauten wir eine große Schneemauer, denn dieses Zelt konnten wir nicht mit auf Lager 2 nehmen. Dann kochten und aßen wir noch einmal in dieser gemütlichen Behausung. Dass dies das letzte Mal unter diesen gemütlichen Zeltwänden sein würde ahnten wir zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht.
Zusammenpacken, Essen, Kocher und Benzin mitnehmen. Gegen 15:00 begannen wir mit dem Aufstieg. 30 min später erreichten wir das Fixseil. Diesmal kam ich besser voran: „einfach bergwärts wackeln“. Nach 4 Std. erreichten wir das Ende der Steilflanke. Nur noch 300 Hm bis auf Höhe Lager 2. Doch ständig vereisen meine Brillen, so dass ich fast nichts sehen kann. Ich versuchte den Steigeisenspuren zu folgen. Ab und zu nahm ich einen Schluck aus dem Camelbak. Als ich auf Lager 2 ankam war es 21:00. Die anderen hatten bereits das Material vom Depot herübergeholt und die meisten Zelte aufgebaut. Hans und ich hatten nur unser Zelt noch aufzubauen. Kaum stand es merkte ich, dass meine Füße kalt und die Zehen taub waren. Ich kroch sofort ins Zelt und in den Schlafsack. Nachdem ich trockene Socken angezogen hatte massierte ich Füße und Zehen. Noch bibberte ich vor Kälte und es dauerte eine halbe Stunde, bis mir langsam wieder warm wurde. Das Thermometer im Zelt zeigte –34 °C. Draußen war es –39 °C und der Wind hatte bereits an Stärke zugenommen. Ein paar Tage später erzählte mir Walter, der ja viel länger als ich am Zeltaufbau beteiligt war, dass er zwei Stunden im Schlafsack brauchte, um wieder warm zu werden.

Hans war noch einmal zum Depot gegangen um seine Sachen zu holen. Meine Ausrüstung brachte er dabei gleich mit. Währendessen schmolz ich Eis für eine Suppe. Diese Arbeit war zwar leicht im Schlafsack liegend zu verrichten, doch einen kleinen Teil wollte ich damit auch zu unserem Wohlbefinden beitragen. Hans verschwand sogleich in seinem Schlafsack. Er nahm nur einen kleinen Schluck von der Suppe.

Mo., 10.12.07 – Ausharren im Sturm auf Lager 2, erster Tag

Die ganze Nacht stürmte es. Am Morgen hatten wir –25 °C. Gegen Mittag gingen wir raus um unsere Zelt gegen den Wind zu sichern. Dazu sägten wir mit Schneesägen Blöcke aus dem Boden und bauten Schneemauern um unsere Zelte. Wenn zehn Leute zupackten ging richtig was voran. Die Kälte setzte jedem zu und so geschah das Ganze fast wortlos, aber dennoch effektiv. Es verging keine Stunde bis das Werk vollbracht war.
Am Nachmittag ließ der Wind dann sogar etwas nach und die Sonne zeigte sich. In solchen Situationen sieht man immer im nächsten Tage eine Option auf den Gipfel. Man vergisst dabei oft, dass es ebenso noch schlechter werden könnte.
Das Abendessen war für mich das Highlight des Tages: es gab Kartoffelbrei mit Rindfleisch und Gemüse. Leider drängte sich mir aber ausgerechnet jetzt eine Bronchitis auf. Medikamente hatte ich genug dabei und ich begann mit der Behandlung.

auf Lager 2auf Lager 2

Sturm auf Lager 2 auf eine Zigarette

Di., 11.12.07 – Ausharren im Sturm auf Lager 2, zweiter Tag

Eine weitere stürmische Nacht und auch der Tag war nicht besser. Kaum Sicht, -25 bis –30 °C. Ein weiterer Tag des Ausharrens auf Lager 2. Nach dem Frühstück kam Walter zu uns ins Zelt. Er meinte wir könnten 5 Tage hier oben ausharren und auf besseres Wetter für den Gipfeltag warten. Das Problem war nur das Essen und Benzin für die Kocher.
Wir verbrachten fast den ganzen Tag im Zelt. Gegen Abend kam Stefan auf eine Zigarette bei uns vorbei. Bei der Gelegenheit zog Hans seinen Birnenschnaps aus dem Gepäck. Hier auf Lager 2 hatten wir ja unseren Basecamp-Dome nicht mehr, in dem wir uns abends treffen konnten. Die Zeltpartner lagen jeweils zu zweit in ihren Zelten, was die Gruppe zwangsläufig erst mal in Zeltgemeinschaften teilte. Somit war uns jeder Besuch willkommen.
An diesem Abend verlangte mir ein „größeres Geschäft“ alles ab, als ich dies draußen im Sturm bei eisiger Kälte verrichten musste. Ich beschloss Hans zu fragen, ob er einverstanden wäre dieses vielleicht künftig in der Apside des Zeltes zu verlegen.

Mi., 12.12.07 – Ausharren im Sturm auf Lager 2, dritter Tag

Der schlimmste Tag bis jetzt. Letzte Nacht hatten wir Windspitzen bis zu 80km/h. Weitere Tage des Ausharrens wurden langsam durch unsere Vorräte an Benzin und Essen limitiert sein. Walter konnte per Satellitentelefon mit Dave Hahn, der mit seiner Gruppe auf Lager 1 festsaß, vereinbaren, dass wir eine Gallone Benzin von ihm haben könnten und er sie zum Ende der Fixseile raufbrächte, während Dave sich Essen von uns aus Lager 1 nehmen könne. Damit hatten wir für das leibliche Wohl weiterhin gesorgt und es sollte uns an nichts mangeln. Unsere Stimmung war demnach noch immer bestens und wir waren zuversichtlich. Gegen Abend ließ sogar der Wind nach und die Temperatur stieg auf –22 °C.
Die Einteilung zwischen Hans, meinem Zeltpartner, war so, dass Hans in der Früh Suppe kochte und Eis für 2 l Trinkwasser schmolz, während ich am Abend diesen Job übernahm, um das Wasser für unsere Tütensuppen und für Tee aus den Eisblöcken zu gewinnen. Das dauerte meist 1 ½ bis 2 Stunden. Seit heute durften wir jedoch Wasser nur mehr erwärmen aber nicht mehr zum Kochen bringen um Sprit zu sparen. Das Zelt verließ ich nun nur noch um die Pinkelflasche auszuleeren.

Sturm auf Lager 2 Hans kocht

Walter draußen im Sturm Lager 2 im OrkanLager 2 im Orkanunrasiert und fern der Heimatkurze Wetterbesserung zerstörtes Lager 1Abstieg zum Basislager

Do., 13.12.07 – Abstieg im Orkan

Seit 13 Std. tobte der Sturm in Orkanstärke. Videoclip: Orkan im Highcamp Walter kam mit einer Gallone Benzin zu uns ins Zelt um unsere Kocher aufzutanken. „Vergesst den Gipfel“, sagte er, „wichtig ist, dass wir gesund heimkommen. Noch halten die Zelte. Falls sie kaputtgehen müssten wir eine Schneehöhle graben“. Im Moment ging es jedoch in gar keine Richtung. Weder hinauf zum Gipfel, noch hinab zu Lager 1. Wir lagen bequem in unseren Schlafsäcken und hofften, dass die Zelte hielten. Wenn der Orkan allerdings an Stärke zunähme und das Zelt kaputtginge könnte sich das schlagartig ändern. Gegen Mittag zogen Hans und ich unsere Socken, Daunenhosen und Handschuhe an. Für den Fall, dass das Zelt nicht standhielte wollten wir gerüstet sein. Nachdem ich schon mal angezogen war konnte ich auch gleich die Pinkelflaschen ausleeren gehen. Ich machte einen Abstecher zu Walters Zelt. Er sagte mir, dass er gerade mit dem Basecamp telefoniert habe und die Leute von ALE erstmalig eine Wetterprognose herausgegeben hätten: der Orkan würde für sehr kurze Zeit abflauen, dann aber noch bedeutend stärker werden. Ich sollte nun zu den anderen Zeltgemeinschaften gehen und allen mitteilen, dass alles zusammenzupacken ist und wir in Kürze zu Lager 1 absteigen würden. Wir mussten diese kurze fast unbedeutende Wetterbesserung auf jeden Fall nutzen um in sichere Gefilde zu gelangen, bevor uns der Orkan hier oben mit voller Wucht erwischte und unsere Lager zerstörte. So begannen wir gegen 15:30 mit dem Abstieg.
Nach wenigen hundert Metern sahen wir zwei Bergsteiger im Schnee sitzen. Es war Richard und sein Bergführer Chris. Walter ging sofort zu ihnen und fragte „braucht ihr Hilfe?“. Beide, vor allem aber Richard, waren sehr erschöpft. Sie hatten bereits per Funk Kontakt mit dem Basecamp aufgenommen und um Hilfe gebeten. Die Antwort lautete: „aus dem Basislager kann keine Rettung kommen, ihr seid auf euch allein gestellt“. In diesem Zustand wären sie vermutlich in diesem Sturm erfroren. Richard hatte seine vereiste Brille abgenommen und sah, wie er sagte, nur „White Spots“. Er war völlig erschöpft und dehydriert. Zudem hatte er den ganzen Tag noch nichts gegessen, da sie ihren Kocher nicht in Gang bekamen. Nachdem Walter Richard etwas zu trinken gegeben hatte, versuchte er ihn zu motivieren wieder auf die Füße zu kommen. Mühsam stand er auf, taumelte jedoch und fiel nach wenigen Schritten wieder hin. Irgendwie gelang es Walter die beiden bis zum Beginn des Fixseils zu bringen. Von nun an sicherte er Richard mit Hilfe von Chris die Steilflanke über das 1200 m lange Fixseil hinunter.
Unsere Gruppe stieg indessen weiter Richtung Lager 1 ab. Wir erreichten das Lager gegen 20:00, wo sich uns ein erschreckender Anblick bot: nahezu alle Zelte, darunter unser geliebtes Esszelt, waren zerstört. Notgedrungen verluden wir unsere Ausrüstung auf die Schlitten und packten einiges in die Rucksäcke. Im Moment hatten wir noch keine sicheren Gefilde erreicht – wir würden weiter bis zum Basislager absteigen müssen.
Bis Walter eintraf, der Richard und seinen Bergführer sicher herunter gebracht hatte – Dave Hahn, der in Lager 1 noch zwei intakte Zelte hatte, sollte die beiden erst einmal weiter versorgen – wussten wir zunächst einmal noch nicht über die weitere Vorgehensweise Bescheid und dachten deshalb die Expedition sei nun vorbei, weshalb wir auch all unser Equipment für den Abstieg bereit machten. Dass jedoch dieser Transport nicht zu bewältigen sein würde zeigte uns der Orkan ganz eindrucksvoll: voll beladene Schlitten warf er einfach um und selbst einige von uns fielen beim Gehen durch seine Wucht um. Wir konnten also nur das Notwendigste mitnehmen und mussten alles andere sicher auf Lager 1 deponieren. Angeseilt gingen wir weiter Richtung Basislager. Dort würden wir die Reservezelte benutzen und eine warme Mahlzeit zu uns nehmen können.

Fr., 14.12.07 – Abstieg im Orkan, erreichen Basislager

Kurz nach Mitternacht erreichten wir das Basislager. Wir waren zwar platt aber die Einladung von Nick Lewis, dem Basecamp-Manager, der uns zum Essen einlud konnten wir unmöglich ausschlagen. Es gab Pasta und warme Getränke ohne Ende. Ein untrügliches Zeichen von Sicherheit, während draußen das gesamte Vinson-Massiv von einer dicken Lenticularis-Wolke verhüllt wurde und selbst hier noch Anzeichen des Orkans auszumachen waren.
Als wir dann unsere Zelte aufbauten trafen auch Richard und Chris, sowie die Teilnehmer einer Schweizer Expedition im Basecamp ein. Bis auf ein paar Erfrierungen waren alle wohlauf. Nachdem unsere Zelte standen, konnten wir endlich Ruhe finden.
Am Morgen wurde eines schnell klar: wir hatten unser Ziel den Mt. Vinson zu besteigen noch nicht erreicht und wollten deshalb so bald es das Wetter zuließ einen zweiten Versuch wagen. Das freute mich ungemein, denn während unseres Abstiegs hatte ich mich in Gedanken schon fast vom Gipfel verabschiedet. Die Schlechtwetterfront konnte in Zeiten des antarktischen Hochsommers unmöglich lange anhalten und wir hofften deshalb auf baldige Wetterbesserung. Täglich bekam ich die Daten aus den GFS-Modellen für den Teil der Antarktis in dem wir uns aufhielten per SMS auf mein Satellitentelefon: es sollte übermorgen ein gutes Wetterfenster geben, welches eine Gipfeloption zuließ! Das stimmte mich zuversichtlich.
Für heute war jedoch ein Ruhetag angesagt. Während wir an einem Tisch im ALE Basecamp-Zelt unser Essen kochten und frühstückten wurden am Nebentisch die Erfrierungen einiger Bergsteiger behandelt. Nichts ernstes zwar, aber durch die großflächigen Verbände und Pflaster sah es doch einigermaßen beeindruckend aus.

rettendes Basislagerdas Vinson Massiv im OrkanErfrierungen

Aufstieg zu Lager 1gemütliche Runde auf Lager 1

Sa., 15.12.07 – erneuter Aufstieg zu Lager 1

Wir ließen es ruhig angehen und stiegen am Nachmittag zu Lager 1 auf, das wir bereits nach 4 Std. erreichten. Die Ausrüstung, die wir hier zurückgelassen hatten war unversehrt und gegen eine Flasche Whiskey stellte uns ALE Zelte zur Verfügung, die als Reserve in Lager 1 vergraben waren. Wir bauten sie auf und kochten dann in gemütlicher Runde an dem Platz, an dem noch vor ein paar Tagen unser Basecamp-Dome gestanden hatte. Wir waren guter Dinge und extrem gut motiviert. Der Plan sah folgendermaßen aus: da die meisten aus der Gruppe nicht mehr viel Zeit hatten und zu Weihnachten zu Hause sein wollten, konnten wir unmöglich noch einmal auf Lager 2 übernachten und den Berg belagern. Wir wollten versuchen den Gipfel in einem „Single-Push“ von Lager 1 aus zu besteigen. Akklimatisiert waren wir zwar bestens, doch ich fragte mich, ob wohl meine die Kräfte für die 2200 Hm in einem Go reichen würden. Immerhin wollten wir aber eine kurze Kochpause auf Höhe Lager 2 einlegen. Während ich mir noch darüber Gedanken machte mixte Chri uns einen Drink aus Birnenschnaps und Orangensaftkonzentrat. Je mehr ich davon trank um so zuversichtlicher wurde ich, dass es morgen mit dem Gipfel klappen könnte.

So., 16.12.07 – ein langer Gipfeltag

Gegen 10:30 startete unser Vortrupp bei Eisnebel in Richtung Fixseile. Der Rest der Gruppe ging eine Stunde später los. Wir kamen sehr gut voran. Nach etwa 4 Stunden hatten wir 2/3 der Steilflanke hinter uns gebracht und machten eine kurze Pause. Über dem Gipfel des Mt. Shinn hing eine Schneefahne, sonst war es fast windstill bei klarem Himmel. Nach wenigen Minuten ging es weiter zu Lager 2. Wir kochten eine Kleinigkeit und füllten unsere Trinkflaschen auf, bevor wir gegen 17:00 weiter gen Gipfel strebten. Vom Hochlager aus ging es zunächst leicht ansteigend hinauf. Dann kamen wir in ein weites, relativ ebenes Hochtal. Hinter uns lag der Mt.Shinn und vor uns der Mt.Vinson, den wir jetzt ständig im Blick hatten. Am Ende des Hochtales, an einem sonnigen windstillen Platz, machten wir noch eine kurze Pause. Trotz der guten Akklimatisation spürte ich bereits die Höhe und kam plötzlich nur noch sehr langsam voran. Walter gab das Tempo vor: ein Schritt – ein Atemzug. Wenig später: ein Schritt – zwei Atemzüge. Der Körper musste mindestens soviel Sauerstoff bekommen, wie er für die Bewegung in der Höhe brauchte. Eine einfache Regel eigentlich, trotzdem neigte ich dazu schneller zu gehen, mit dem Resultat, dass ich nach wenigen Schritten außer Atem kam und kurz anhalten musste um wieder Luft zu holen.
Über dem Gipfel des Mt. Vinson hatte sich eine Lenticularis-Wolke gebildet. Ein schlechtes Zeichen. Walter gab zu bedenken, dass wir möglicherweise nur bis zum Grat kämen und den Gipfel vielleicht nicht besteigen könnten. Oh nein, dachte ich mir, die ganze Schinderei nur für den Grat! Die Südtiroler gaben Gas als wollten sie schneller sein als die Wolke.
Nach dem Hochtal ging es zunächst um den Gipfel herum, bevor ein Steilhang zum Gipfelgrat hinaufführte. Hier wurde es windiger und damit kälter. Außerdem waren wir jetzt auf der Schattenseite des Berges, was noch einmal ein paar Grad Minus mehr ausmachte. Die Wolke am Gipfel hatte sich aber zum Glück verzogen. Langsam kamen wir Richtung Gipfelflanke. Ich konzentrierte mich auf meine Steigeisen um mich nicht damit auseinandersetzen zu müssen wie weit es irgendwo rauf oder runter ginge. Walter meinte, es sei noch eine halbe Stunde bis zum Gipfel. Nach 30 min erreichte ich jedoch gerade mal den Gipfelgrat. Meine Brille war total vereist. Ab und zu nahm ich sie kurz ab um zu sehen wie weit es noch sei. Ein Teil der Gruppe war bereits am Gipfel, das konnte ich sehen. Nur noch dem Gipfelgrat folgen, dann hätte ich es auch geschafft. Der Grat zog sich für mich endlos hin. Endlich war ich am Ziel – um 0:45 erreichte ich den höchsten Punkt der Antarktis. Wir beglückwünschten uns und Fotos wurden gemacht. Leider war der Gipfelschnaps eingefroren, denn es hatte –42 °C. Die Sicht war nicht besonders gut und bald sollte der Gipfel wieder von einer Wolke verhüllt sein. Es war Zeit so schnell wie möglich wieder abzusteigen. Nachdem wir den Gipfelgrat wieder hinter uns gelassen hatten wehte uns ein eisiger Wind entgegen. Im Moment konnte ich meine Balaclava (Gesichtsschutzmaske) nicht anlegen. Meine Wangen und die Nase vereisten. Als wir wieder in geschütztere Regionen kamen fiel Stefan meine weiße Nase auf. Ich hatte mir den linken Nasenflügel, die Nasenspitze und einen Teil der rechten Wange erfroren. Sie waren völlig gefühllos. Es sollte fast einen Monat dauern, bis alles wieder O.K. war. So musste ich ein kleines Opfer für den Berg bringen.
Weiter ging es Richtung Lager 2, das noch in der Sonne lag. Den Rest des Depots aufladen und weiter zum Fixseil. Während ich das Seil durch die Finger gleiten ließ und seelenruhig abstieg, legte sich die ganze Anspannung und wich einer innerlichen Zufriedenheit über diesen Gipfelerfolg. Wir hatten wirklich gekämpft und zum Schluss hatte sich alle Mühe auch noch gelohnt.

Als ich gegen 5:30 in Lager 1 ankam lagen alle bereits in ihren Zelten. Ich schmolz erst einmal Schnee um mir etwas zu trinken zu bereiten. Dann rief ich Christine an und berichtete ihr von unserem Gipfelerfolg.

3. Aufstieg über SteilflankeHochtal und Mt. ShinnHochtal und Mt. Vinsonauf dem GipfelGeschafft!Mt. Vinson wieder in WolkenKnutzen Peak und Pyramid Peak

Abstieg ins BasislagerLet's PartyRückflug nach Patriot Hills

Mo., 17.12.07 – Abstieg zum Basislager und Flug nach Patriot Hills

Gegen 11:00 kam die Sonne hinter den Bergen hervor. Zeit aufzustehen und zu packen. Wir wollten gleich weiter zum Basislager absteigen, denn schon bald würde dort die erste Twin-Otter eintreffen um die Hälfte der Gruppe zurück nach Patriot Hills zu bringen. Ein Teil der Gruppe stieg zu Fuß ab, der zweite Teil per Ski. Da der Skitrupp später startete und ich noch nicht fertig mit dem Packen war, beschloss ich auch mit Ski zu gehen. Ich hatte keine Ahnung wie man mit Ski und Schlitten abfährt. Das konnte ja lustig werden. Erstaunlicherweise ging es besser als ich dachte. Ja, es machte richtig Spaß. Wenn mich der Schlitten in voller Fahrt zu überholen drohte, fuhr ich einen Bogen und bremste ihn so ein wenig ab. Dann begann das Spiel erneut in die entgegengesetzte Richtung. Schon bald kam das Basislager in Sicht und ich war etwas wehmütig.
Im Basislager angekommen ging das Packen gleich weiter. Die erste Twin-Otter war schon in Patriot Hills gestartet und würde in Kürze hier eintreffen. Etwas Zeit hatten wir aber noch und Stefan öffnete eine Flasche Whiskey. Als wir sie geleert hatten schwebte die Twin-Otter ein. Wenige Minuten später flog sie mit einen Teil der Gruppe schon wieder Richtung Nimitz-Gletscher. Bald würde die Maschine erneut kommen um uns abzuholen.

Der Flug Videoclip: Flug vom Basecamp über die Ellsworth Mountains – diesmal bei bester Sicht – war fantastisch. Zunächst ging es fast eine halbe Stunde über den endlos langen Nimitz-Gletscher. Dann kam das mächtige Bowie-Crevasse-Field – eine gigantische Spaltenzone im Minnesota-Gletscher - in Sicht. Gegen 23:30 landeten wir schließlich in Patriot Hills, das mir in diesem Moment fast wie die Zivilisation erschien. In diesem Zeltdorf  Videoclip: In Patriot Hills waren eben doch ein paar mehr Menschen als oben in den Lagern am Mount Vinson.

Di., 18.12.07 – Rückflug nach Punta Arenas

Das letzte Frühstück auf dem Eis und die Gewissheit, dass die Iljuschin schon bald in Punta Arenas starten würde. Seit 8 Tagen warteten Expeditionen in Chile auf ihren Flug in die Antarktis. Unsere Nachfolger saßen im Moment bereits am Airport. Sie hatten ihr Abenteuer noch vor sich.
Wie Pilger machten wir uns auf den Weg zu einer aufgegebenen norwegischen Forschungsstation von deren Dach aus wir die Landung der Iljuschin verfolgen konnten. Das Dach der Station lag keine 3 m über dem Eis, doch es bot etwas mehr Überblick. Die Landung der Maschine auf der Blaueispiste war immer ein gewaltiges Schauspiel. Das Flugzeug brauchte einen sehr langen Auslauf, dann rollte es zurück und die Neuankömmlinge stiegen aus. Einige liefen zum Camp, andere wurden mit Snowcats abgeholt. Wir blickten in freudige Gesichter, sie mochten ähnliches empfunden haben wie wir, als wir unsere Füße zum ersten Mal auf diesen eisigen Kontinent setzten. Mochten auch sie die Antarktis wieder gesund verlassen.
Die Beladung der Maschine dauerte eine halbe Ewigkeit. Alles, aber auch wirklich alles – selbst das, was schon mal gegessen wurde – verlässt die Antarktis auch wieder. Und so wurden einige Container Fäkalien in das Flugzeug verladen. Noch war die Schei... gefroren. Wehe, wenn sie während des Fluges zu sehr einheizten und das Zeug im Flieger auftauen würde.
Die Maschine heulte auf, wir waren gestartet. Einer packte eine edle Flasche Cognac aus und ließ Becher rumgehen. Dazu ein paar Kekse, aber schon bald nickte ich ein und wachte erst kurz vor der Landung wieder auf. Statt der üblichen Durchsage „wir werden in Kürze landen“, sprachen hier wohl die meisten (mich eingeschlossen) ein kurzes Gebet: auf dass es noch einmal gut gehen möge.
Draußen regnete es. Nach einer kurzen Wartezeit im Airport (waren wir in Quarantäne?) ging es mit dem Bus zurück zum Hotel. Nicht dass wir etwa gleich schlafen gegangen wären – natürlich waren wir hundsmüde – wir hatten aber noch etwas vor: Richard, den Walter im Orkan das Leben gerettet hatte, lud uns zu einem Dinner ein. Um 22:00 sollten wir geschniegelt und gestriegelt im „Puerto Viejo“ sein. Einige schafften es sogar sich in dieser kurzen Zeit noch zu rasieren. Warme Brötchen und Salat als Vorspeise, gefolgt von Königskrabben und Hauptgang nach Wahl. Dazu einige Flaschen erlesenen Rotweins. Nach der gewohnten Expeditionskost bestand die Gefahr des „Sich-Überfressens“, der wir genüsslich ins Auge sahen. Natürlich waren unsere Mägen diese Unmengen an Nahrung nicht mehr gewohnt, doch in solch einer Situation war man einfach machtlos.
Im Laufe des langen Abends verlieh Ekki an Hans den Titel „Best Of Team Award“ aufgrund seiner stets emsigen und über die normalen Bemühungen jedes anderen Expeditionsteilnehmers hinausgehenden Aktivitäten.

Richard hingegen erzählte von seinen Erlebnissen während der Expedition, die nicht ganz so positiv waren, in der die Rettung durch Walter jedoch für ihn ein Highlight darstellte. Er hatte den Gipfel leider nicht erreichen können, worauf Ekki ihn fragte: „Richard, was ist dein nächstes Ziel?“. Richard entgegnete: „In den Weltraum, mit Richard Branson , ich habe das Ticket Nr. 40“. Stille. Kinnladen klappen herunter. Dieser Flug für 8 min in den Weltraum kostete 200000 US $. Nachdem sich alle wieder gefangen hatten, entbrannte eine kleine Diskussion darüber, ob man denn diese Summe für 8 min Weltraumflug ausgeben würde. Obwohl mich die Kontoauszüge meiner Bank nach dieser Tour in die Antarktis mit einem negativen Vorzeichen vor einer n-stelligen Zahl eines Besseren belehren würden, konnte ich die Fragestellung „8 min Weltraum für 200000 US $“ für mich selbst mit einem klaren Ja beantworten. Leider konnte ich nicht wie Richard eine Firma dafür verkaufen um zu dem Geld zu kommen. Ich musste wohl einsehen, dass ich eher zum Backen von kleinerer Brötchen bestimmt war.

Pilger zur Forschungsstationdie Iljuschin ist gelandetunsere Gruppe vor dem Abflugdie Iljuschin wird beladendie Iljuschin wird beladenGood Bye Antarcticazurück in Punta Arenas

 

 
 

Mein besonderer Dank für diese Tour zum Mount Vinson in die Antarktis gilt vor allem Christine. Sie aktualisierte diese Webseite während der Tour, arbeitete sich in GFS-Modelle ein und gab mir die Wetterdaten für die Antarktis per SMS durch.
Weiterhin danke ich Walter Laserer als Expeditionsleiter. Seine Organisation und Umsicht machten den Gipfelerfolg überhaupt möglich. An dieser Stelle möchte ich einmal mehr Laserer-alpin als Expeditionsveranstalter empfehlen.

Und nicht zuletzt mein Dank an alle Expeditionsmitglieder. Die Besteigung des Mount Vinson mit euch zusammen war überwältigend!

 
 
   
 
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